Ohne Seltene Erden würden viele Elektromotoren, Windkraftanlagen, Wärmepumpen und digitale Geräte nicht funktionieren. Sie gelten als Schlüsselrohstoffe der Energie- und Mobilitätswende. Doch ihr Abbau hinterlässt zerstörte Böden, verschmutzte Flüsse und Gemeinden, die ihr Wasser und ihre Felder nicht mehr nutzen können.
Unser Steckbrief „Seltene Erden – Zwischen Zukunftstechnologien und Zerstörung“ zeigt, warum diese Rohstoffe politisch so umkämpft sind, welche ökologischen und sozialen Folgen ihr Abbau hat und welche Maßnahmen für eine gerechte Rohstoffwende notwendig sind.
Den Steckbrief können Sie hier kostenlos herunterladen.
Was sind Seltene Erden?
Seltene Erden sind eine Gruppe von 17 chemischen Elementen. Sie werden in Leichte und Schwere Seltene Erden unterteilt. Wirklich „selten“ sind sie nicht, aber sie kommen nur selten in so hoher Konzentration vor, dass ihr Abbau wirtschaftlich ist.
Hinzu kommt: Seltene Erden liegen meist nicht isoliert vor. Sie sind in komplexe mineralische Verbindungen eingebunden und häufig mit radioaktiven Stoffen wie Uran oder Thorium vergesellschaftet. Ihre Gewinnung und Trennung ist deshalb technisch aufwendig, energieintensiv und ökologisch riskant.
Die Förderung und vor allem die Weiterverarbeitung sind global stark auf China konzentriert. Europa verfügt zwar über mögliche Lagerstätten, etwa in Schweden, Finnland oder Grönland. Eine wirtschaftlich relevante Produktion findet dort bislang jedoch nicht statt.
Warum sind Seltene Erden so wichtig?
Besonders wichtig für die Energie- und Mobilitätswende sind Neodym, Praseodym, Dysprosium und Terbium. Sie werden vor allem für Permanentmagnete eingesetzt.
Diese Magnete stecken in Elektromotoren, Generatoren und Sensoren. In Elektroautos sorgen sie dafür, dass die Motoren große, schwere Fahrzeuge schneller beschleunigen lassen. In Windkraftanlagen ermöglichen sie effiziente Generatoren. Auch Wärmepumpen, Haushaltsgeräte und digitale Technik sind auf solche Bauteile angewiesen.
Wo werden Seltene Erden eingesetzt?
Der wichtigste Einsatzbereich für Magnet-Seltene-Erden ist die Automobilindustrie. Rund 40 Prozent der Permanentmagnete gehen in diesen Sektor. In mehr als 95 Prozent aller Elektroautos sind sie verbaut.
Weitere wichtige Einsatzbereiche sind Windkraftanlagen, Wärmepumpen, Industrieanlagen, Sensoren, Elektronik und militärische Anwendungen. Der Bedarf wächst deshalb nicht nur durch die Energiewende, sondern auch durch Digitalisierung, Rüstung und industrielle Hochtechnologie.
Chinas Dominanz auf dem Weltmarkt
China kontrolliert große Teile der Förderung und fast die gesamte Weiterverarbeitung bestimmter Seltener Erden. Besonders bei den für Permanentmagnete wichtigen Elementen ist die Abhängigkeit groß.
Das macht Seltene Erden zu einem geopolitisch sensiblen Rohstoff. Wer über Verarbeitungskapazitäten verfügt, kontrolliert nicht nur Lieferketten, sondern auch zentrale Bausteine für Industrie-, Energie- und Sicherheitspolitik.
Für Europa zeigt sich daran ein grundlegendes Problem: Die Rohstoffpolitik wird häufig auf Versorgungssicherheit verengt. Dabei geht es nicht nur darum, mehr Rohstoffe zu sichern. Entscheidend ist auch, den Verbrauch zu senken, Kreisläufe zu schließen und Menschenrechte entlang der Lieferketten durchzusetzen.
Was macht den Abbau so gefährlich?
Der Abbau Schwerer Seltene Erden erfolgt häufig durch chemische Auslaugung. Dabei werden Chemikalien in den Boden gepumpt, um die Metalle aus tonhaltigen Lagerstätten zu lösen.
Zurück bleiben geschädigte Böden, belastetes Wasser und Absetzbecken mit giftigen Rückständen. Säuren, Schwermetalle und radioaktive Stoffe können in Flüsse, Grundwasser und landwirtschaftliche Flächen gelangen.
Für die Menschen vor Ort bedeutet das: Wasserquellen werden unbrauchbar, Felder verlieren ihre Fruchtbarkeit, Fischerei und Landwirtschaft brechen weg. Der Rohstoff, der anderswo grüne Technologien antreibt, zerstört in den Förderregionen oft genau jene Lebensgrundlagen, die geschützt werden müssten.
Myanmar: Seltene Erden aus Konfliktregionen
Myanmar ist in den vergangenen Jahren zu einem zentralen Herkunftsland Schwerer Seltener Erden geworden. Besonders betroffen sind die Grenzregionen Kachin und Shan.
Dort hat sich der Abbau seit den 2010er-Jahren stark ausgeweitet. In vielen Gebieten wird mit chemischer Auslaugung gearbeitet. Die Folgen sind massive Entwaldung, verschmutzte Wasserläufe und zerstörte Ackerflächen.
Viele lokale Gemeinschaften können Flüsse und Bäche nicht mehr als Trinkwasserquelle nutzen. Kleinbäuer*innen verlieren ihre Lebensgrundlagen. Einige Menschen arbeiten unter gefährlichen Bedingungen in den Minen, weil andere Einkommensquellen verschwunden sind.
Während die sozialen und ökologischen Kosten vor Ort bleiben, profitieren bewaffnete Gruppen, Rohstoffhändler*innen und internationale Industrien vom Handel mit Seltenen Erden.
Soziale und gesundheitliche Folgen
Der Abbau Seltener Erden ist nicht nur ein Umweltproblem. Er verändert ganze Regionen.
Menschen berichten von Atemwegsproblemen, brennendem Hals und Kontakt mit Chemikalien. Gemeinden verlieren Zugang zu sauberem Wasser. Landwirtschaftliche Flächen werden unbrauchbar. Hinzu kommen soziale Konflikte, prekäre Arbeitsbedingungen und eine wachsende Abhängigkeit vom Bergbau.
Besonders hart trifft es ländliche und indigene Gemeinschaften, die kaum Einfluss auf Genehmigungen, Lieferketten oder Abnehmerindustrien haben.
Recycling: großes Potenzial, kaum genutzt
In der EU werden bisher weniger als ein Prozent der Seltenen Erden recycelt. Das ist politisch und industriepolitisch ein Alarmsignal.
Die technischen Hürden sind hoch: Seltene Erden stecken oft nur in kleinen Mengen in Produkten. Sie sind schwer zu trennen, schwer zurückzugewinnen und bislang häufig günstiger neu abzubauen als zu recyceln.
Doch Elektroschrott, alte Motoren, Magnete und Industrieabfälle könnten künftig wichtige Rohstoffquellen werden. Dafür braucht es verbindliche Vorgaben: recyclinggerechtes Produktdesign, bessere Sammelstrukturen, Demontagepflichten, moderne Trennverfahren und klare Ziele für den Einsatz recycelter Materialien.
Warum weniger Verbrauch entscheidend ist
Mehr Recycling allein wird nicht reichen. Wenn immer größere Autos, immer mehr digitale Geräte und immer neue Hochleistungsanwendungen den Bedarf weiter antreiben, verschiebt sich das Problem nur.
Weniger Bergbau beginnt mit weniger Rohstoffverbrauch. Gerade im Verkehrssektor liegt großes Potenzial: kleinere und leichtere Fahrzeuge, weniger private Pkw, mehr öffentlicher Verkehr, Sharing-Angebote und langlebigere Produkte können den Druck auf Förderregionen senken.
Eine gerechte Rohstoffpolitik darf deshalb nicht nur fragen, woher Seltene Erden kommen. Sie muss auch fragen, wofür sie eingesetzt werden – und ob dieser Einsatz gesellschaftlich notwendig ist.
Was jetzt politisch nötig ist
Die Energiewende darf nicht auf Kosten von Menschenrechten, Wasser, Böden und Biodiversität stattfinden. Versorgungssicherheit braucht klare ökologische und soziale Leitplanken.
Politik und Unternehmen müssen Verantwortung entlang der gesamten Lieferkette übernehmen: vom Abbau über die Verarbeitung bis zum Einsatz in Autos, Windkraftanlagen, Wärmepumpen und Elektronik.
Unsere Forderungen
Rechte lokaler Gemeinschaften sichern
Betroffene Gemeinschaften müssen verbindlich an Entscheidungen über Bergbauprojekte beteiligt werden. Dazu gehören transparente Verfahren, Zugang zu Informationen, wirksame Beschwerdemechanismen und die Achtung indigener Rechte.
Umwelt- und Sozialstandards verbindlich machen
Der Abbau Seltener Erden muss an strenge Umwelt- und Sozialstandards gebunden werden. Unternehmen müssen menschenrechtliche und ökologische Sorgfaltspflichten entlang der gesamten Lieferkette einhalten. Freiwillige Selbstverpflichtungen reichen nicht aus.
Kreislaufwirtschaft stärken
Seltene Erden müssen aus Altprodukten zurückgewonnen werden. Dafür braucht es bessere Sammelstrukturen, recyclinggerechtes Design, Demontagepflichten, Investitionen in Recyclingtechnologien und verbindliche Ziele für den Einsatz von Rezyklaten.
Rohstoffverbrauch senken
Die Nachfrage nach Primärrohstoffen muss durch politische Maßnahmen deutlich reduziert werden. Besonders rohstoffintensive Anwendungen sollten hinterfragt werden. Kleinere Fahrzeuge, langlebige Produkte, Reparatur, Wiederverwendung und eine Verkehrswende können den Bedarf an Seltenen Erden und anderen kritischen Rohstoffen deutlich senken.
Presse & Hintergrund
Für Interviews, O-Töne und Daten bitten wir um Kontaktaufnahme:
Adrian Bornmann
Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Autor*innen
Maike Buckemüller
Michael Reckordt
Referent für Rohstoffpolitik








