Whatever happened to Suffizienz?

Über die neue Ressourcenseite von Umweltbundesamt und Bundesumweltministerium bin ich auf eine interessante Studie der Forschungsstelle für Umweltpolitik gestoßen, die die ersten Ergebnisse des PolRess Forschungsprogramm zur Ressourcenpolitik zusammenfasst. Die Studie vermisst die Diskurslandschaft im Themenfeld Rohstoffe in Deutschland. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass es – zunächst wenig überraschend – drei Diskurse in diesem Feld gibt :

  1. ein wirtschaftlich/ökonomisch geprägter Versorgungssicherheits-Diskurs, der Konkurrenzsituationen um knapper werdende Ressourcen auf den internationalen Rohstoffmärkten betont und die Ausweitung des Rohstoffangebots als Lösungsansatz sieht;
  2. einen entwicklungspolitischen Diskurs, der die Folgen von Rohstoffexporten aus rohstoffreichen Entwicklungsländern thematisiert und
  3. einen rohstoffpolitischen Effizienz-Diskurs, der als Gegendiskurs zum Versorgungssicherheits-Diskurs von der Prämisse ausgeht, dass der inländische Ressourcenverbrauch als Stellschraube einer Rohstoffpolitik genutzt werden sollte um Abhängigkeiten von Rohstoffimporten zu verringern und negative soziale und ökologische Auswirkungen der Rohstoffgewinnung zu vermeiden.

Die Studie stellt weiterhin fest, dass Nummer 1 – der Versorgungssicherheitsdiskurs, der von Bundeswirtschaftsministerium und der Industrie getragen wird – bei weitem dominant ist. Das wundert ja auch nicht, so wie der BDI sich bei dem Thema ins Zeug legt.

Titelblatt der Studie vom Wuppertal Institut zum Rebound-EffektBemerkenswert an der Studie finde ich hingegen: Das Stichwort Suffizienz taucht überhaupt nicht auf. Den Autor der Studie wundert das offenbar nicht. Vielleicht ist es auch gar nicht so verwunderlich, weil sich in der Öffentlichkeit nur wenige trauen, über Verzicht zu reden. Vielmehr sprechen alle von Effizienz. Klingt ja auch irgendwie gut. Aber man muss sich bitte immer vor Augen halten, dass der Rebound-Effekt den Großteil der Effizienzgewinne wieder auffrisst (“mein Auto ist so sparsam, da kann ich doch nochmal schnell zum Bäcker fahren…”). Effizient ist nicht falsch, sie löst aber unser Problem nicht: Wir verbrauchen zu viele Ressourcen. Suffizienz wäre nötig. Sie taucht in der Studie aber nicht auf.

Statt darüber zu reflektieren, empfiehlt die Untersuchung lieber, den Versorgungssicherheits-Diskurs der Industrie mit einem Effizienzdiskurs zu verbinden.

Als Ansatzpunkt bietet sich an, den Innovationsbegriff nicht alleine auf das Recycling zu beschränken, sondern diesen auf ressourceneffiziente Produkte auszuweiten. Auf diese Weise kann der innovationsorientierte Ressourceneffizienz-Subdiskurs an den Rohstoffsicherheitsdiskurs anschlussfähig gemacht werden; entsprechende Argumente wären Risikominimierung und Versorgungssicherheit sowie Wettbewerbsfähigkeit durch Marktchancen für effiziente Produkte und Effizienztechnologien.

Man könnte sagen: Es kommt zusammen, was zusammengehört. Denn so lugt wieder der Öko-Exportweltmeister Deutschland zwischen den Zeilen hervor. Die Umwelt schützt, was Geld bringt. Da stört die lästige Suffizienz doch nur. Fragt sich nur, wer hier dann wen kapert. Die Umwelt die Wirtschaft? Oder doch eher umgekehrt?

Die Studie ist laut Website das erste Ergebnis des Projekts. Sie wirft nicht unbedingt ein gutes Licht auf das, was da noch kommen mag. Zu unternehmensfreundlich für meinen Geschmack. Bietet aber einen hervorragenden Eindruck davon, wie hierzulande über Ressourcenpolitik gesprochen wird.

@chrismethmann

 

Update 28/08, 20:18: Minister Rösler hat heute extra eine Pressemitteilung verfasst, um diesen Beitrag zu illustrieren. „Für uns hat die Rohstoffversorgung der deutschen Wirtschaft oberste Priorität.“, schreibt er da. Vielen Dank für die klaren Worte!

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