Saubere Sache: Die Stahlschmelze in der cidade maravilhosa

Rio, cidade maravilhosa – wunderbare Stadt. Und nach den Planungen  von ThyssenKrupp sollte alles so schön werden mit TKCSA, dem größten Stahlwerk Lateinamerikas: bis zu 30.000 lokale Arbeitsplätze während der Bauphase, 3.500 Arbeiter ab Betriebsbeginn, fünf Millionen Tonnen Stahlbrammen, die per Schiff in die USA und nach Deutschland geliefert werden, lokale Entwicklung bei Zulieferern der Region zu stärken.

Nebenbei sollten durch das neue Hüttenwerk am Zuckerhut auch all die in Deutschland aufkommenden Probleme umgangen werden:
die zunehmenden EU-Auflagen zur Reduzierung der Feinstaubbelastung in Duisburg,
die Vorgaben der neuen EU-Richtlinie für Energieeffizienz zu jährlicher Reduktion von 1,5% des Energieverbrauchs,
die geplante Verknappung der CO2-Emissionsrechte,
die von der Stahlindustrie beklagten EU-Benchmark-Werte für CO2-Ausstoß und
die steigenden Strompreise in Deutschland.
Workshopeinladung für den 4.8.2012
Brasilien – das neue El Dorado! Der Umweltschutzdirektor von ThyssenKrupp lobte 2009 die Schnelligkeit der brasilianischen Behörden bei der Baubewilligung:

„In Deutschland hätten wir ein Vielfaches dieser Zeit gebraucht“.

Dabei orientiere sich das Werk laut ThyssenKrupp an „modernster Technologie und an höchsten Umweltstandards“. Und das nicht umsonst. Da giftige Gase von Kokerei und Hochofen in Gasturbinen verbrannt Strom gewinnen und auch die Rückwärme der Anlagen im Kraftwerk weiterverwendet werden soll, werden drei Teile des Stahlwerks als „Clean Development Mechanism“-Projekte beim UNFCCC anerkannt. Saubere Sache, wenn schmutzige Industrien in die Länder des globalen Südens exportiert werden und sich dadurch auch noch Zertifikate für die eigenen Altanlagen zu Hause einsacken lassen.

Im Projektdokument heißt es dazu:

„By installing highly efficient combined cycle turbines in its Power Plant, TKCSA contributes to the reduction of GHG emissions to the atmosphere that would be emitted in the absence of project. Basically, the project activity displaces GHG emissions coming from fossil fuel thermal generation plants, connected to the Brazilian interconnected electricity grid system.“

Ob man damit nicht den Klimaschutz verkohlt? Denn das Stahlwerk wird zukünftig deutlich über fünf Millionen Tonnen CO2  pro Jahr ausstoßen. Dadurch werden die CO2 -Emissionen des gesamtem Stadtgebiets von Rio de Janeiro (Industrie, Verkehr, Haushalte) um satte 72% erhöht. Als Berechnungsgrundlage für die Höhe der „Einsparungen“ und die generelle Rechtfertigung für die Registrierung als CDM-Projekte dient aber eben nicht die Alternative „kein Stahlwerk“, sondern ein Szenario, in dem TKCSA die Abgase und Wärme nicht nutzt. Zum Punkt nachhaltige Entwicklung heißt es im Projektdokument schlicht:

„The proposed project activity contributes to sustainability due to its environmental, social and economical benefits.“

Aha. Der brasilianische Fischer Isac kommt auf die Frage, warum die Deutschen hier gebaut haben, zu einem anderen Schluss:

„Weil sie in Deutschland zu hohe Umweltauflagen haben und diese dort nicht nur auf dem Papier existieren, sondern eingehalten werden. Hier in Brasilien, da haben wir tolle Gesetze – aber eben meist nur auf dem Papier“.

Dass das Projekt in der Tat nicht nicht nur gewünschte Entwicklungen mit sich bringt und wie ThyssenKrupp und Rios Politiker Fischer, Anwohner und die Umwelt verschaukeln beschreibt Christian Russau in seinem Text: Die ach so grüne Stahlschmelze in der cidade maravilhosa. Das Beispiel ThyssenKrupp in Brasilien bildet den Auftakt für den Workshop „Kauf dich frei – Wie Entwicklung und Klimaschutz dem Markt zum Opfer fallen“ am 4.8.12 auf der attac Sommerakademie in Mainz:

 

Dieser Beitrag basiert auf dem Text Die ach so grüne Stahlschmelze in der cidade maravilhosa von Christian Russau.

4 Kommentare

  1. Nicola Jaeger

    Der CDM spielt in diesem Beitrag zwar keine Rolle, aber das Projekt von ThyssenKrupp und die Auswirkungen vor Ort werden in der ARD-Reportage „Markt oder Moral“ umfassend dargestellt. Dabei kommen viele Betroffene zu Wort: http://mediathek.daserste.de/sendungen_a-z/799280_reportage-dokumentation/10154532_markt-oder-moral

  2. Nicola Jaeger

    Auf der Website von PowerShift e.V. findet sich eine Dokumentation zum Workshop „Kauf dich frei! Wie Entwicklung und Klimaschutz dem Markt zum Opfer fallen“: https://power-shift.de/?p=1042

  3. Pingback: Saubere Entwicklung für deutsche Unternehmen: Wie Entwicklung und Klimaschutz dem (grünen) Markt zum Opfer fallen « Umweltgerechtigkeit – das Blog zur Klima-, Ressourcen- & Umweltgerechtigkeit

  4. Pingback: Bewegung fürs Klima: Eine Frage der Gerechtigkeit « Umweltgerechtigkeit – das Blog zur Klima-, Ressourcen- & Umweltgerechtigkeit

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