Raubbau in der Tiefe?!

von Claudia Härterich

(zuerst erschienen im Newsletter des AK Rohstoffe, September 2014)

Blue Atlantis, MIDAS, ROV Kiel 6000 – diese Begriffe, die klingen als seien sie einem Science Fiction Roman entnommen, sind die Schlagworte der deutschen und europäischen Pläne zur Förderung von mineralischen Rohstoffen auf dem Grund der Weltmeere. Bereits 2016 könnten diese Pläne Realität werden. Denn in diesem Jahr wird die International Seabed Authority (ISA), die Verwalterin der Meeresböden der Tiefsee, erstmals darüber entscheiden, welche Staaten Förderlizenzen für den Rohstoffabbau in den internationalen Gewässern erhalten. Bis dahin hat sie noch viel zu tun, denn die gesetzlichen Rahmenbedingungen für den marinen Bergbau müssen erst noch geschaffen werden. Von Februar bis Mai 2014 führte die Behörde zu diesem Zweck eine Konsultation durch, bei der am Tiefseebergbau interessierte staatliche und privatwirtschaftliche Akteure dazu aufgefordert waren Stellungnahmen zur Frage der Ausgestaltung dieses rechtlichen Rahmens abzugeben.

Source: U.S. Geological Survey - Deep Sea Robot

Source: U.S. Geological Survey – Deep Sea Robot

Deutschland gehört zu den führenden Staaten bei der Jagd nach den Ressourcen aus der Tiefsee und bemüht sich schon seit mehreren Jahren darum, sich den Zugang zu diesen Rohstoffen zu sichern. Seit 2006 verfügt die Bundesrepublik über eine Lizenz zur Erkundung von Manganknollen in der ClarionClippertonBruchzone im Pazifik. Die Bundesagentur für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) führt dort im Auftrag der Bundesregierung Explorationstätigkeiten durch. Mit dem Tauchroboter ROV Kiel 6000 werden die Manganknollenvorkommen am Meeresboden untersucht – vor allem in Hinblick auf ihre wirtschaftliche Nutzbarmachung. Seit 2011 ist die BGR zudem im Indischen Ozean aktiv, dort erforscht sie Metallsulfidvorkommen. Ende 2013 beantragte Deutschland bei der ISA für das betroffene Gebiet eine offizielle Explorationslizenz. Im Juli 2014 entschied die Behörde zugunsten des deutschen Antrags – sehr zur Freude des Koordinators der Bundesregierung für die Maritime Wirtschaft. Dieser erklärte anlässlich der erteilten Lizenz: „Für Deutschland ist der internationale Tiefseebergbau unter wirtschaftlichen Aspekten doppelt interessant: Erstens kann er zur Versorgungssicherheit Deutschlands mit Hochtechnologierohstoffen langfristig beitragen. Zweitens eröffnet er interessante Marktchancen für deutsche Hersteller von innovativer, umweltverträglicher Meerestechnologie.“(BMWi 2014).

Die Vertreter/innen des maritimen Wirtschaftssektors sind die treibende Kraft hinter den Bestrebungen der Bundesregierung in diesem Bereich. Unter den Akteuren aus diesem Industriezweig nimmt die Gesellschaft für maritime Technik (GMT) eine zentrale Rolle ein. Sie vertritt die Interessen deutscher Unternehmen und Forschungseinrichtungen auf dem Gebiet der maritimen Technik gegenüber den politischen Entscheidungsträger/innen und setzt sich für eine politische Förderung der wirtschaftlichen Aktivitäten ihrer Mitglieder ein. Mit ihren Forderungen war sie bislang sehr erfolgreich. Im Jahr 2000 schuf die Bundesregierung das Amt des Koordinators für die maritime Wirtschaft, das beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) angesiedelt ist. Dessen zentrale Aufgabe ist die Ausrichtung der alle zwei Jahre stattfindenden Nationalen Maritimen Konferenz der Bundesregierung. Dort diskutieren Vertreter/innen aus dem maritimen Wirtschaftssektor und Mitglieder der Bundes- und Landesbehörden die zukünftige Entwicklung und Ausgestaltung der maritimen Wirtschaft. Die dort von Seiten der Industrie an die Politik gestellt Forderungen wurden bisher zum allergrößten Teil von der Bundesregierung aufgenommen und umgesetzt.

Wichtige Weichen für die aktuellen Aktivitäten auf dem Gebiet des Tiefseebergbaus wurden bereits durch einen Bundestagsbeschluss aus dem Jahr 2002 gestellt, welcher vorsieht die weltweiten Märkte für Meerestechnik zu erschließen. Auf dieser Grundlage hat es sich die Bundesregierung seither zum Ziel gesetzt, den maritimen Wirtschaftssektor Deutschlands in seinem Vorhaben zu unterstützen sich zum internationalen Marktführer in diesem Bereich zu entwickeln. Dieses Bestreben der deutschen Politik mündete in dem 2011 veröffentlichten Nationalen Masterplan Maritime Technologien, der Deutschland als führenden Hochtechnologie-Standort für maritime Technologien im internationalen Wettbewerb etablieren möchte. Das Strategiepapier definiert die dafür notwendigen Maßnahmen und bildet die Grundlage des weiteren politischen Vorgehens. Es identifiziert den Bereich der maritimen Technologien als einen Sektor, der durch Innovationen das deutsche Wirtschaftswachstum tragen kann und der hochwertige Arbeitsplätze in einem Zukunftsmarkt von großer strategischer Bedeutung schafft. Als zentrale Maßnahmen werden die Entwicklung eines Leuchtturmprojekts zu marinen mineralischen Rohstoffen, der Abschluss von bilateralen Kooperationen im Bereich mineralische Rohstoffe und der Aufbau einer Arbeitsgemeinschaft marine mineralische Rohstoffe (AMR) – bestehend aus den wichtigsten deutschen Akteuren aus Wirtschaft, Forschung und Verwaltung – definiert. Die Verantwortung für die Gründung der Arbeitsgemeinschaft wird GMT, VDMA und BGR übergeben. Vor diesem Hintergrund erfolgte im April 2014 die Gründung der DeepSea Mining Alliance[1]. Der Verein soll als gemeinsame Plattform eine abgestimmte Interessenvertretung gegenüber Politik, Wirtschaft und Gesellschaft und ein effektives und konsortiales Auftreten in nationalen und internationalen Projekten unterstützen (DeepSea Mining Alliance 2014). Zu seinen wesentlichen Zielen gehören die Anbahnung von kommerziellen, technologischen und Forschungsprojekten sowie eine bessere Koordinierung aller nationalen und internationalen Aktivitäten für die Erkundung und Gewinnung mariner mineralischer Rohstoffe (DeepSea Mining Alliance 2014). Mit der Schaffung der DeepSea Mining Alliance erreicht das Vorhaben, der deutschen maritimen Wirtschaft einen Spitzenplatz im internationalen Wettbewerb zu ermöglichen einen neuen Grad der Koordination.

Das BMWi veranstaltete seit 2011 mehrere Workshops und Strategietagungen für Vertreter/innen des maritimen Wirtschaftssektors, unter anderem im Januar 2014 zum Thema “Potenziale des Tiefseebergbaus“. Dort kamen die Teilnehmer/innen darin überein, dass Deutschland nicht im Alleingang den Tiefseebergbau vorantreiben könne, sondern als Teil eines europäischen oder internationalen Konsortiums agieren müsse. Die Wirtschaftsvertreter/innen forderten, dass mit aktiver politischer Flankierung und massiver finanzieller Unterstützung ein nationales Pilotprojekt im Kontext eines internationalen Gesamtprojektes durchgeführt werden solle und dass gezieltes Marketing eingesetzt werden müsse, um der Skepsis der Bevölkerung gegenüber dem Tiefseebergbau zu begegnen (Projektträger Jülich 2014). Außerdem ist die Einrichtung eines ressort-übergreifenden Förderschwerpunktes für marine, mineralische Rohstoffe angedacht, an dem BMWi, BMBF und BMU beteiligt sein sollen.

Während sich die deutschen Unternehmen mit inhaltlich und finanzieller Unterstützung von BMWi und BMBF auf die Weiterentwicklung der Ausrüstung und Technologien für den Tiefseebergbau fokussieren, erklärte die Bundesregierung im Juni 2014 in ihrer Antwort auf eine kleine Anfrage der Linken, dass ein deutscher Tiefseebergbau derzeit nicht geplant sei. Es gäbe keine Bestrebungen, den Aufbau eines deutschen Bergbauunternehmens zur Erschließung von Tiefseeressourcen finanziell oder strukturell zu unterstützen (Bundesregierung 2014: 8). Auf die Frage, welche Bedeutung die Bundesregierung der Förderung von Tiefseeressourcen für die europäische Rohstoffpolitik mittel- und langfristig beimesse, antwortete diese, dass marine mineralische Rohstoffe als Ergänzung zu landgebundenen Vorkommen zu sehen seien, die zu einer Diversifizierung des Rohstoffbezugs und somit zur Sicherung der Rohstoffversorgung beitragen können (Bundesregierung 2014: 3).

Während sich die Politik in der Öffentlichkeit eher vorsichtig zum Thema Tiefseebergbau äußert, treiben die GMT und andere Vertreter/innen des deutschen maritimen Wirtschaftssektors auch auf europäischer Ebene ihre Pläne weiter voran. Dort stoßen ihre Anliegen ebenfalls auf offene Ohren. Bereits 2007 wies das EU Generaldirektorat für Forschung und Innovationen auf die zukünftige Bedeutung von mineralischen Rohstoffen aus dem Meer hin und empfahl die Entwicklung einer europäischen Strategie für den Tiefseebergbau (Europäische Kommission 2007). Im Herbst 2012 veröffentlichte die Kommission ihr Strategiepapier Blue Growth – opportunities for marine and maritime sustainable growth. Es bildet die Grundlage ihrer Initiative zur Erschließung der ungenutzten Potenziale der Meere mit dem Ziel einer Stärkung des Wirtschaftswachstums und der europäischen Wettbewerbsfähigkeit. Marine mineralische Rohstoffe spielen in der Blue Growth Strategie eine wichtige Rolle. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, wie die EU die europäischen Unternehmen im internationalen Wettbewerb unterstützen kann um sicherzustellen, dass diese erfolgreich an den damit verbundenen ökonomischen Aktivitäten partizipieren. Als dafür notwendig wird der Zugang der Unternehmen zu einer sicheren Finanzierung identifiziert sowie das Ergreifen politischer Maßnahmen, um zu verhindern, dass die europäischen Firmen von anderen Wettbewerbern aus dem Markt gedrängt werden. Als weitere unterstützende Maßnahme wird vorgeschlagen, auf europäischer Ebene Forschungsvorhaben in dem Bereich Tiefseebergbau anzustoßen und zu fördern (Europäische Kommission 2012: 10). Ende 2013 begann mit MIDAS ein solches Forschungsprojekt. In dem 2016 endenden Projektzeitraum untersuchen Wissenschaftler/innen die Auswirkungen der Extraktion von mineralischen und energetischen Rohstoffen aus der Tiefsee. Dabei fokussieren sie nicht nur auf Manganknollen, Massivsulfide und kobaltreichen Eisenmangankrusten, sondern ebenfalls auf mögliche Potenziale der Gewinnung von Seltenerdelementen aus dem Meer. Darüber hinaus beginnt im Jahr 2015 das durch das BMBF angeregte dreijährige JPIOcean-Forschungsprojekt „Ecological aspects of deep-sea mining“ (Bundesregierung 2014: 10). Außerdem hat eine Gruppe bestehend aus 45 Unternehmen und Forschungsinstituten – 17 von ihnen aus Deutschland – unter der Führung der Gesellschaft für Maritime Technik (GMT) im Rahmen der Europäischen Innovationspartnerschaft Rohstoffe das Projekt Blue Atlantis eingebracht (Details zu Blue Atlantis finden sich hier). Es sieht die Schaffung der weltweit ersten Tiefseebergbau-Versuchsanlage vor, die in den portugiesischen Hoheitsgewässern im Atlantik – nahe der Inselgruppe der Azoren – entstehen soll. Dort liegen vier bekannte Gebiete in denen es größere Ansammlungen sogenannter Schwarzer Raucher – die Quelle der begehrten Massivsulfide – gibt. Laut Projektbeschreibung gehen die Unternehmen davon aus, dort darüber hinaus auch Manganknollen und Kobaltkrusten vorzufinden. Neben der Konstruktion des Unterwassertestbergwerks soll im Rahmen von Blue Atlantis eine Studie zu den Voraussetzungen eines großflächig angelegten Tiefseebergbaus entstehen. Das erklärte Gesamtziel ist es, das europäische Know-how für die gesamte Wertschöpfungskette im Bereich Tiefseebergbau zu festigen. Projektbeginn ist 2015.

Parallel zu diesen bereits sehr stark auf eine wirtschaftliche Verwertbarkeit ausgerichteten Aktivitäten, hielt die EU Kommission im Zeitraum März bis Juni 2014 eine öffentliche Konsultation zum Thema Meeresbodenbergbau ab. Dort konnten sich Behörden, Bürger/innen, Unternehmen und zivilgesellschaftliche Organisationen aus den Mitgliedsstaaten zu Fragen der Rohstoffgewinnung in der Tiefsee und den nationalen Küstengewässern äußern. Diese Beiträge sollen – so die federführende Generaldirektion Maritime Angelegenheiten und Fischerei – die Kommission bei der Entwicklung ihrer Position zu diesem Thema unterstützen. Angesichts der in der Konsultation gestellten Fragen sowie der oben beschriebenen Aktivitäten, darf dieses Argument jedoch bezweifelt werden. Es entsteht vielmehr der Eindruck, dass sich bereits eine klare Positionierung zugunsten des Tiefseebergbaus herauskristallisiert hat. So ist es den Teilnehmer/innen der Konsultation zwar möglich, Bergbauaktivitäten im Meer grundsätzlich abzulehnen, der Hauptteil der Fragen zielt jedoch darauf ab zu klären, welche Hindernisse der Erschließung des Potenzials des Tiefseebergbaus im Wege stehen und wie diese beseitigt werden können (Fragebogen der Konsultation).

Neben dem Blickwinkel auf die Chancen, die sich der deutschen maritimen Wirtschaft durch den Tiefseebergbau bieten, werden von Seiten der verarbeitenden Industrie und der für Rohstoffpolitik zuständigen staatlichen Behörden überwiegend positive Erwartungen an die Nutzbarmachung der Ressourcen auf dem Meeresgrund geknüpft. Aus ihrer Perspektive stellt der Rohstoffabbau im Meer eine mögliche Lösung für die von der Bundesregierung gewünschte Verringerung der deutschen Importabhängigkeit im Bereich zahlreicher mineralischer Rohstoffe dar. In ihrer 2010 veröffentlichten Rohstoffstrategie identifiziert sie die Diversifizierung der Rohstoffquellen für die deutsche Wirtschaft als eine zentrale Herausforderung. Sie benennt in diesem Zusammenhang explizit die Rohstoffgewinnung in Tiefseeregionen als eine Maßnahme um dieses Ziel zu erreichen. Letzten Endes geht es in den Strategiepapier darum, sich die größtmögliche Kontrolle über den globalen Abbau der Rohstoffe zu sichern. Diese Sichtweise auf den Tiefseebergbau wird von einigen Forscher/innen geteilt und spiegelt sich in einem Zitat eines Mitarbeiters des GEOMAR – einer der bedeutendsten deutschen Einrichtungen auf dem Gebiet der Ozeanforschung – wider. Dieser beantwortete in einem im April 2014 im Spiegel veröffentlichen Interview die Frage nach den Risiken des Tiefseebergbaus mit der Gegenfrage: „Was ist besser? Erze aus Bürgerkriegsgebieten zu importieren oder die Rohstoffe selbst aus der Tiefsee zu fördern, mit modernster Technik und hohen Umweltstandards?“

Die mit dem Rohstoffabbau an Land verbundenen negativen Auswirkungen auf Mensch und Umwelt als Rechtfertigung für eine zukünftige Erschließung und Förderung mineralischer Rohstoffe aus der Tiefsee heranzuziehen, ist jedoch höchst fragwürdig. Die Hintergrundannahmen dieser Argumentation greifen zu kurz, um der Realität der weltweiten Gewinnung mineralischer Rohstoffe und ihrer Folgen gerecht zu werden. Zwar ist der Hinweis auf die Schäden, die weltweit – nicht nur in Bürgerkriegsgebieten – durch Bergbaukonzerne verursacht werden berechtigt, doch die hier vorgenommene Gegenüberstellung suggeriert fälschlicher Weise, alternativ dazu mineralische Rohstoffe aus der Tiefsee zu beziehen, würde die seit vielen Jahren bekannten und dennoch bislang nicht überwundenen Probleme lösen oder zumindest zukünftig vermeiden. Anstatt sich mit diesen bereits an Land vorhandenen negativen Auswirkungen der Rohstoffförderung und den damit verbundenen Konflikten auseinanderzusetzen und diese in den Griff zu bekommen, wird versucht, sich neuen Gebieten zuzuwenden. Dies gleicht einer Flucht aus der Verantwortung und wirft die Frage auf, ob es sich dabei um den Versuch handelt, den Weg des kleinsten Widerstands zu gehen, indem man in schwer kontrollierbare und überschaubare Gegenden ausweicht anstatt sich einer Diskussion über die Grundproblematiken des hohen Rohstoffkonsums und des Abbaus mineralischer Rohstoffe zu stellen. Vertreter/innen der Zivilgesellschaft stehen dieser Vorgehensweise kritisch gegenüber. So forderte Francisco Marí von Brot für die Welt unlängst: “Die Gefahr, dass auf See dieselben Fehler wiederholt werden, die an Land zu Umwelt-, Klima- und Entwicklungskrise geführt haben, muss dringend abgewendet werden. Dies gilt insbesondere mit Blick auf die globale und entwicklungspolitische Dimension der Meerespolitik.“. Im Mai 2014 veranstaltete ein breites Bündnis aus umwelt- und entwicklungspolitischen Organisationen in Bremen eine Konferenz zu den aktuellen Entwicklungen in der Meerespolitik. Dort wurde ein von 22 zivilgesellschaftlichen Gruppen unterzeichnetes Positionspapier verabschiedet, das ein internationales Moratorium für den Abbau von Erzen aus der Tiefsee fordert. Ein Sprecher des NABU sagte in diesem Zusammenhang, er halte den wirtschaftlichen Ausbau des Sektors Meer unter Anbetracht des derzeitigen schlechten Umweltzustands der Meere für äußerst fragwürdig: „Die EU-Initiativen den Tiefseebergbau voran zu treiben sind auf Grund mangelnden Wissens über die Tiefsee nicht mit dem Vorsorgeprinzip zu vereinbaren und somit bis auf weiteres zu stoppen.“ Greenpeace hatte bereits 2013 ein internationales Moratorium für den Rohstoffabbau in der Tiefsee gefordert und den Staaten vorgeworfen, die langfristige Nutzbarkeit der Meere kurzfristigen finanziellen Interessen zu opfern (Greenpeace 2013: 16). Unterstützung erhielten diese Forderungen kürzlich auch von Mining Watch Kanada und der australischen Deep Sea Mining Campaign (siehe Counterview 2014).

Denn auch beim Tiefseebergbau kann nicht ausgeschlossen werden, dass Menschen in Mitleidenschaft gezogen werden, sei es direkt durch Umweltschäden, die bei der Rohstoffförderung in den Küstengewässern die vom Meer lebende Bevölkerung beeinträchtigen, oder indirekt durch vergiftete Meeresflora und –fauna, die ihren Weg in die Nahrungskette der Menschen findet. Die Risiken, die mit einem potenziellen Abbau von Rohstoffen in großen Wassertiefen einhergehen sind immens, wie eine Gruppe von Forscher/innen aus Europa, Nordamerika und Australien in einem im Mai 2014 veröffentlichten Artikel in der Zeitschrift Science betont. Die Wissenschaftler/innen legen dar, dass die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls durch den die Umwelt geschädigt wird, mit zunehmender Wassertiefe deutlich zunimmt. Welche Schwierigkeiten damit verbunden sind, angerichtete Schäden einzudämmen und diese unter Kontrolle zu bekommen, zeigt unter anderem die Deepwater Horizon Katastrophe, die sich 2010 im Golf von Mexico ereignete. Damals dauerte es mehrere Monate, bis es dem britischen Konzertn BP gelungen war, ein in 1500m Wassertiefe gelegenes Bohrloch zu schließen und so den Ölausfluss ins Meer zu stoppen. Es stellt sich daher die Frage, ob die interessierten Konzerne in der Lage sind, den Risiken bei der Ernte von Manganknollen, dem Abbau von Kobaltkrusten oder von Massivsulfiden in ähnlichen oder noch größeren Wassertiefen in angemessener Weise Rechnung zu tragen. Dass sich die Lebensräume am Meeresboden von dem Eingriff durch das Ernten von Manganknollen nur sehr langsam erholen zeigt eine Studie, die im World Ocean Review 2014 beschrieben wird. So wurde im DISCOL Projekt eine mehrere Quadratkilometer großer Bereich des Meeresbodens im Pazifik mit Versuchsgeräten umgepflügt und über mehrere Jahre hinweg immer wieder besucht. Dabei zeigte sich, dass es sieben Jahre dauerte, bis sich in den durchpflügten Gebieten wieder die gleiche Dichte an Bodenlebewesen eingestellt hatte wie zuvor. Einige Arten bleiben jedoch verschwunden (World Ocean Review 2014: 73). Welche Auswirkungen ein massiver und großflächiger Abbau von Massivsulfiden und Kobaltkrusten auf die Meeresflora und -fauna hat, ist bis heute unklar. Dennoch lassen Staaten und Konzerne nicht von ihrem Vorhaben ab, die Tiefsee für sich zu erobern.

Quellen

BMWi (2014): Weg frei für die weitere Erkundung von Rohstoffen in der Tiefsee. Presseerklärung vom 4. August 2014.

Bundesregierung (2014): Ökologische Auswirkungen des Tiefseebergbaus – Antwort der Bundes-regierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Herbert Behrens, Eva Bulling-Schröter, Annette Groth, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE Drucksache 18/1597.

Counterview (2014): High profile Indian NGO joins world counterparts, protests Govt of India, others‘ „deep interest“ in seabed mining.

DeepSea Mining Alliance (2014): Tiefseebergbau: Verein „DeepSea Mining Alliance“ am 9. April in Hamburg gegründet.Pressemitteilung, Hamburg, 14.04.2014.

EU Kommission (2012): Blue Growth – opportunities for marine and maritime sustainable growth. COM(2012) 494 final.

EU Kommission (2007): The Deep-Sea Frontier: Science challenges for a sustainable future.

Greenpeace (2013): Deep Seabed Mining – An urgent wake-up call to protect our oceans.

World Ocean Review (2014): Rohstoffe aus dem Meer – Chancen und Risiken.

Abschlussdokument der Konferenz Ein anderes Meer ist möglich (2014): Ein anderes Meer ist möglich! Erklärung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Zivilgesellschaftlichen Konferenz zum Europäischen Tag des Meeres 2014.

DG Maritime Affairs and Fisheries (2014): Stakeholder consultation on seabed mining questionnaire.

Projektträger Jülich (2014): Kurzbericht des Workshops zu Potenzialen des Tiefseebergbaus im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie.

 

[1]  Zu seinen 17 Gründungsmitgliedern gehören BAUER Maschinen, Siem Offshore Contractors, Wärtsilä, die Reederei Harren & Partner, die IMS Ingenieurgesellschaft, die Klassifikationsgesellschaften DNV GL und Lloyd’s Register, die Meerestechnikunternehmen EvoLogics, MBT, Hydromod Service und Develogic sowie die RWTH Aachen und die TU Clausthal-Zellerfeld.

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