Ein neues Wirtschaftsprogramm: Industrie 4.0

Intelligente Maschienen in der Automobilindustrie

Intelligente Maschienen in der Automobilindustrie © Wikipedia with CClicense

 

Blick in die Zukunft

Für den australischen Bergbaukonzern Rio Tinto ist die Smart Factory schon Teil der Gegenwart. Ein Betriebszentrum in Perth kontrolliert einen ganzen Eisenerzdistrikt mit 15 Minen, 1.300 km entfernt. Minenfahrzeuge, ausgestattet mit jeweils über 200 Sensoren, GPS und Radarsystemen transportieren hier völlig fahrerlos die Metalle. Der Konzern sieht die technologischen Veränderungen positiv. In einem Werbevideo des Rio Tinto- Programms „Mine of the future”, welches die Digitalisierung der Produktion vorantreibt, heißt es: „As the (technological) transformation gets faster the demand for natural resources gets even greater. To meet this growing demand the world needs to dramatically boost its mineral supply“. Der Konzern verspricht sich von einer zunehmenden Vernetzung mehr Nachfrage für seine Produkte und gleichzeitig für die eigene Produktion eine Steigerung der Produktivität, Effizienz; mehr Extraktionspotenzial, Zuverlässigkeit und Sicherheit.

Industrie 4.0

Auch in Deutschland ist die Digitalisierung der Wirtschaft gerade in aller Munde und läuft unter dem Stichwort „Industrie 4.0“. Diese gilt als die vierte Revolution in der Produktionsgeschichte. Brachten die ersten Revolutionen die Mechanisierung, Automatisierung und Digitalisierung, verzahnt sich nun „die Produktion mit modernster Informations- und Kommunikationstechnik“ so die Plattform Industrie 4.0, ein Zusammenschluss aus Vertretern von Politik und Wirtschaft. Greifbar formuliert es das Bundeswirtschaftsministerium (BMWI): „Wenn Bauteile eigenständig mit der Produktionsanlage kommunizieren und bei Bedarf selbst eine Reparatur veranlassen – wenn sich Menschen, Maschinen und industrielle Prozesse intelligent vernetzen, sprechen wir von Industrie 4.0“. So sollen in der Zukunft in der Smart Factory intelligente Maschinen, Lagersysteme und Betriebsmittel als sogenannte Cy­ber-Physical Systems weltweit vernetzt werden. Industrielle Prozesse sollen durch erhöhte Flexibilität produktiver werden, weil kurzfristig auf Ausfälle und Störungen reagiert werden kann. Laut Bundesministerium für Forschung und Bildung wird so „die Produktion (…) durchgängig transparent und ermöglicht optimale Entscheidungen. Durch In­dustrie 4.0 entstehen neue Formen von Wertschöp­fung und neuartige Geschäftsmodelle.“ Einer Studie des Digitalverband Bitkom zufolge seien besonders die Brachen Maschinen- und Automobilbau, Elektrotechnik, chemische Industrie, Landwirtschaft sowie Informations- und Kommunikationstechnologie betroffen. Hier liegt ein Wertschöpfungspotenzial von zusätzlichen 78 Mrd. Euro bis 2025 (1,7 Prozent Wachstum pro Jahr).

Akteure und Ziele im Projekt Industrie 4.0

Das maßgebende Ziel vieler Akteure die Initiative Industrie 4.0 zu fördern, ist die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Europas und Deutschlands. So bezeichnete Angela Merkel in ihrer Eröffnungsrede bei der Messe Hannover 2016 die Digitalisierung als Schlacht, die für Deutschland und Europa zu gewinnen wäre und für die jetzt die Weichen gestellt werden müssten. Ähnlich sieht es Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel: „Heute werden wichtige Grundlagen für den Wettlauf um die Produkte und die Märkte von morgen gelegt. Unser Ziel ist es, Deutschland als digitales Wachstumsland Nr. 1 in Europa zu etablieren“. Die Bundesregierung hat sich im Koalitionsvertrag geeinigt Industrie 4.0 intensiv zu fördern, um für Deutschland die „Technologieführerschaft im Maschinenbau zu erhalten“. So ist sie auch in der Forschungspolitik als Schwerpunkt in der Hightech-Strategie von 2014 verankert.

Auf europäischer Ebene hat die Kommission im April die „Digitising European Industry“-Strategie vorgestellt. In ihr wird versprochen bis zu 50 Mrd. Euro für die Digitalisierung in den nächsten fünf Jahren durch private und öffentliche Investitionen bereit zu stellen. EU-Kommissar Günther Oettinger erklärt: „Europa kann seine führende Rolle nur behaupten, wenn sich die Unternehmen erfolgreich und rasch der Digitalisierung öffnen“. Dieter Schweer, Mitglied der Hauptgeschäftsführung im Bundesverband der deutschen Industrie (BDI), kritisiert die Summe allerdings als „Tropfen auf dem heißen Stein“ und fordert deutlich höhere Investitionen der EU und ihrer Mitgliedsstaaten.

Auch die parlamentarische Opposition kritisiert die bisherige Diskussion kaum. Bei den Grünen betont Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann die Chancen der Industrie 4.0 für die Gestaltung einer grünen Ökonomie. So leiste sie „einen wichtigen Beitrag zur Senkung des Energie- und Rohstoffverbrauchs – die Produktionslinien werden effizienter gestaltet“. Teile der Linken und Grünen kritisieren das Programm Industrie 4.0 betonen zwar die Risiken von neuartigen, prekären Arbeitsbedingungen, sind in der Diskussion aber kaum zu vernehmen.

Wirtschaftsvertreter/innen drängen derweil darauf die Entwicklung von Industrie 4.0 schneller voranzutreiben. In einem Positionspapier der AG Silikon Germany, einer akteursübergreifenden Plattform der deutschen Mikro- und Nanoelektronikbranche, warnen führende deutsche Technologieunternehmen wie Infineon und Bosch vor einem Zurückbleiben Deutschlands: „Die Konkurrenten aus Asien und den USA sind stark und werden von ihren Regierungen gezielt durch Förderprogramme gestützt“. Sie fordern den Bund auf mehr zu investieren: „Es ist wichtig, dass Unternehmen in Europa und Deutschland ebenfalls durch gezielte Maßnahmen gefördert werden. (…) Diese Chance darf nicht vertan werden.“ Auch Ulrich Grillo, Präsident des BDI fordert: „Deutschland muss jetzt zum Sprung in die Gigabit-Gesellschaft ansetzen. Sonst droht der Industriestandort auf Jahre abgehängt zu werden.“ Dazu brauche es vor allem einen schnellen Ausbau eines leistungsfähigeren Breitbandnetzes.

Ein wirtschaftlicher Akteur, der Industrie 4.0 besonders vorantreibt, ist Bosch. Für das Unternehmen ergeben sich durch die „Vernetzung von physischen Objekten mit der virtuellen Welt mittels aktueller Technologien bereits heute neue Geschäftsmodelle.“ Auf der Messe in Hannover plädierte Bosch-Geschäftsführer Dr. Werner Struth daher dafür die Verhandlungen zum Freihandelsabkommen TTIP (Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft) zeitnah abzuschließen, denn „Industrie 4.0 profitiert vom Freihandel“. Jetzt sei „die Gelegenheit für Europa, wichtige Rahmenbedingungen für die digitale Wirtschaft und zum Schutz geistigen Eigentums zu setzen. Sonst könnten andere Regionen mit anderen Abkommen stärkeren Einfluss auf die Ausgestaltung des Welthandels nehmen.“

Auch der Wirtschaftsverband Stahl und Metallverarbeitung sieht seine Brachen von Industrie 4.0 „als unmittelbar und aktuell betroffen und als in der Mitte der industriellen Wertschöpfungsketten stehend sogar in ganz besonderem Maße.“ Firmen kooperieren beispielsweise vermehrt mit IT- Unternehmen und können laut Thyssen Krupp Vorstandsvorsitzenden Heinrich Hiesing „Wertschöpfungsketten und Kundenbindung mit Hilfe digitaler Anwendungen verbessern.“

Die verschiedenen Akteure treffen sich auch auf der deutschen Plattform Industrie 4.0, das laut BMWI „größte und vielfältigste Industrie 4.0-Netzwerk“. Dieses hat nach eigenem Selbstverständnis das Ziel zu erarbeiten „wie Deutschland (…) der Fabrikausrüster für die Industrie 4.0 sein kann, wie der Produktionsstandort Deutschland mit Industrie 4.0 seine Wettbewerbsfähigkeit weiter steigern kann, welche Rolle Deutschland bei der Setzung von Standards spielen kann und wie die Arbeitswelt mit Industrie 4.0 zum Nutzen der Menschen gestaltet werden kann“. Auf der Plattform sollen Handlungsempfehlungen erarbeitet werden, um Standards und Rahmenbedingen zu schaffen. Unter Leitung von Wirtschafts- und Forschungsministeriums, kommen hier vor allem die Mitglieder der Unternehmerverbände Bitkom, Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI), und der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) zusammen sowie beratende wissenschaftliche Organisationen. Trotz der gesamtgesellschaftlichen Relevanz des Themas, nehmen bis auf Gewerkschaften keine Mitglieder der Zivilgesellschaft teil. Dementsprechend verläuft die Diskussion nur in bestimmten Bahnen. Kai Gehring und Dieter Janecek von den Grünen bemängeln: „Ökologische Themen sind (…) Fehlanzeige in den Arbeitsaufträgen der Plattform. Die Bundesregierung befindet sich hier auf einem Blindflug.“

Allgemein wird das Thema Industrie 4.0 in der Zivilgesellschaft bis jetzt vor allem arbeitspolitisch diskutiert. Hingegen haben Umweltverbände oder entwicklungspolitische Organisationen das Thema bis jetzt nicht öffentlichkeitswirksam aufgegriffen. Wie durch die vorangehenden industriellen Revolutionen sind allerdings auch bei der Industrie 4.0 weitgreifende Folgen auf viele andere gesellschaftliche Bereiche zu erwarten.

Industrie 4.0 und Ressourcenverbrauch

Dies trifft zum Beispiel auf den Rohstoffverbrauch im Zusammenhang mit Industrie 4.0 zu. Glaubt man den Befürworter/innen, so führt Industrie 4.0 direkt zu einer Win-win-Situation für Mensch, Natur und Unternehmen. Durch eine Effizienzsteigerung von 3,3 Prozent jährlich werde mehr produziert und gleichzeitig weniger Rohstoffe und Energie verbraucht, so eine Studie der Unternehmensberatung pwc. Laut einem Bericht der Forschungsunion Wirtschaft sollen Rohstoff- und Energieeinsparungen im gesamten Wertschöpfungsnetzwerk möglich sein. In der Smart Factory können Produktionsabläufe besser überwacht und flexibel optimiert werden. So lasse sich Verschwendung vermeiden. Produkte könnten nun mit dem kleinstmöglichen Materialeinsatz hergestellt werden. Auch durch den Wechsel von der Massenproduktion zur „Massenmaßanfertigung“, also der Ermöglichung Produkte nach individuellen Wünschen zu den Kosten der Massenproduktion herzustellen, sollen Ressourceneinsparungen stattfinden, zum Beispiel durch weniger Lagerungsbedarf und weniger Abfall. Werden wir also in ein glorioses Zeitalter eintreten, in dem mehr Konsum nicht mehr Verbrauch bedeutet?

Michael Reckordt, PowerShift - Landschaftspark Nord Duisburg 2012 (11)

Effizienz war bereits das Versprechen vergangener industrieller Epochen © Michael Reckordt

Mehr Effizienz zu versprechen ist zunächst einmal nichts Neues. Bereits die industriellen Revolutionen zuvor ermöglichten eine immer effizientere Produktion mit allerdings gleichzeitig immer weiter wachsendem Material und Energieverbrauch. So stieg beispielsweise Englands Kohleverbrauch nach der Einführung von James Watts Dampfmaschine trotz ihrer viel höheren Effizienz gegenüber der Vorgängervariante. Studien, wie vom Wuppertal Institut, zweifeln daher an, dass Rohstoff- und Energieverbrauch vor allem durch Effizienzsteigerungen erzielt werden können. Durch Rebound-Effekte können Einsparpotenziale verringert, teilweise sogar überkompensiert werden. So sieht selbst die Forschungsunion Wirtschaft mögliche „Trade-offs zwischen dem Zusatzeinsatz an Ressourcen durch die Smart Factory und Einspar­potenzialen“. Gleichermaßen prognostiziert eine Studie des britischen Government Office for Science, dass das Internet der Dinge einen signifikant erhöhten Energiebedarf bedeuten würde. Auch wenn ein einzelner vernetzender Sender nur wenig Energie benötige, der Energiebedarf insgesamt würde durch ihre Masse steigen. Hinsichtlich des Ressourcenverbrauchs der Massenmaßanfertigung fanden Wissenschaftler/innen wie Chin und Smithwick heraus, dass vor allem eine Verlagerung stattfindet. Obgleich es Einsparungen gebe, würden diese durch energie- und ressourcenaufwändigere Prozesse bei der Produktion konterkariert. Beispielsweise werden die Unikate häufig einzeln verpackt und verschifft.

So ist es wichtig sich vor Augen zu halten, dass die Industrie 4.0 nicht nur aus Daten besteht, sondern genauso aus Geräten, die diese abspeichern, weiterleiten, auswerten. Das bestätigt der Vorsitzende der ZVEI Michael Ziesemer: „Schon im Begriff Internet der Dinge, zu dem ja auch Industrie 4.0 gehört, steckt es drin: Es geht nicht nur ums Internet, sondern auch um die Dinge.“ Für diese neuen Dinge werden Rohstoffe gebraucht, ein Grund warum Alan Davies, Vorstandsvorsitzender bei Rio Tinto die Zukunft seiner Brache positiv sieht: „The long-term fundamentals are pretty clear. The world will continue to demand the metals and minerals that make modern life work”. Konkret müssen die Fabriken mit Cyber-Physical Systems eingerichtet, das Breitbandnetz erneuert und ausgebaut werden. Dazu kommt die Ausrüstung von Arbeiter/innen und Privatpersonen mit elektronischen Geräten wie Smartphones, Tablets und sogenannten Wearable Technologies, also Technologien, die direkt am Körper getragen werden, wie intelligente Kleidung oder Smartwatches. Neben dem Rohstoffverbrauch wird ein Energiebedarf kreiert, der zuvor nicht vorhanden war. Bei Wearables wird der weltweite Marktanteil voraussichtlich von heute 20 Mrd. US$ auf 70 Mrd. US$ bis 2025 steigen. Auch Bergbaukonzerne versprechen sich durch solche Technologien, die von Bergbauarbeiter/innen getragen werden, mehr Sicherheit und Effizienz im Abbau.

Welche Rohstoffe braucht Industrie 4.0?

Bayan Obo Mine (Wikipedia)

Bayan Obo Mine in der Inneren Mongolei in China, die größte Mine für Seltene Erden © Wikipedia with CClicense

Industrie 4.0 benötigt eine Vielzahl von Rohstoffen. Einige der wichtigsten Metalle für Zukunftstechnologien sind Seltene Erden, Kupfer, Platin, Lithium, Tantal und Hochtechnologieelemente wie Germanium oder Tellur. Ihr Abbau hat immer eine spezifische Problematik in Hinsicht auf Umweltauswirkungen und Menschenrechtsverletzungen.

Seltene Erden werden im Hochtechnologiesektor und zunehmend für Batterien in tragbaren elektronischen Geräten genutzt. Sie zählen zu den „kritischen Metallen“, vor allem weil über 90 Prozent der Produktion in China stattfindet. Um dieser Monopolstellung entgegen zu wirken, werden weltweit neue Produktionsstätten eröffnet, wie in Kuantan an der Ostküste Malaysias. Dort protestieren seit 2011 lokale Bevölkerung und Aktivist/innen, denn der Abbau und die Aufarbeitung von Seltenen Erden bedeuten hohe Umweltbelastungen und Gesundheitsrisiken, besonders durch Emissionen und radioaktiven Abfall. Ansteigender Bedarf und die Suche nach neuen Produktionsstätten könnte Bergbaukonzerne nach Grönland führen, wo sich eine der weltweit größten Lagerungsstätten Seltener Erden befindet. Inwieweit in Grönland höchstmögliche Umweltauflagen eingeführt werden, die negative Auswirkungen auf ein fragiles und einzigartiges Ökosystem verhindern, ist heute noch unklar.

Kupfer ist in jedem Laptop zu finden, spielt eine große Rolle für erneuerbare Energien, wie der Windkraft, und sieht sich dementsprechend einem steigendem Bedarf gegenüber. Laut Umweltbundesamt sind die ökologischen und gesundheitlichen Auswirkungen für Bergbauarbeiter/innen und lokale Bevölkerung im Hauptkupferproduktionsland Chile sehr stark. Dabei wäre der Rohstoff zu 100 Prozent wiederverwertbar. Auf den ersten Blick erscheint der Anteil sekundären Kupfers in Deutschland mit 42 Prozent (2014 BGR) recht passabel. Allerdings hat sich laut BGR seit 2001 der Anteil von damals über 50 Prozent stetig verringert. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass es kaum Bemühungen von staatlicher Seite gibt die Recyclingrate zu erhöhen.

Einem wachsenden Bedarf sieht sich auch Platin gegenüber. Das wertvolle Metall wird in elektronischen Anwendungen wie Festplatten verarbeitet. Über 70 Prozent des geförderten Platins kommen aus Südafrika. 2012 wurden dort bei einem Streik über 30 Bergbauarbeiter niedergeschossen. Weder die zuständige Bergbaufirma Lonmin Plc, noch deren Hauptkunde BASF haben seitdem Verantwortung für die Vorfälle übernommen. Schadensausgleich für die Hinterbliebenen und eine Verbesserung der Lebensumstände für die Arbeiter/innen, die größtenteils in Wellblechhüten ohne fließendes Wasser und Strom leben, gibt es noch immer nicht.

Lithium wird für Akkus von Laptops und Handys gebraucht sowie für Batterien von Elektro- und Hybridfahrzeugen. In Chile hat der Lithiumabbau zur Verschmutzung von Wasserressourcen geführt, die als Trinkwasser, für Viehzucht und Ackerbau dienen. Der Abbau bedroht so die Lebensgrundlage der lokalen Bevölkerung. Die derzeitige Elektromobilitätsstrategie der Bundesregierung, die Automobilindustrie unkritisch zu fördern, ist daher abzulehnen.

Zinn ist durch seine Nutzung für Weichlote in Elektronikanwendungen für die deutsche Industrie von großer Bedeutung. Es gilt als Konfliktmineral, weil durch seinen Abbau in Ländern wie der Demokratischen Republik Kongo bewaffnete Konflikte gefördert werden. In Indonesien, dem nach China wichtigsten Zinnproduzenten, sind Kinderarbeit und tödliche Unfälle durch Hangrutsche keine Seltenheit. Zudem bedrohen weitflächige Waldrodungen, der hohe Flächenverbrauch, Gewässerkontamination und Bodendegradation die Ökosysteme in den Abbaugebieten.

Auch Tantal ist ein Konfliktmineral, welches im Zusammenhang mit der Finanzierung von bewaffneten Konflikten und inhumanen Bergbaukonditionen im Kongo steht. Das Mineral wird in Elektrolytkondensatoren in der Mikroelektronik, im Automobilbau und in der Unterhaltungselektronik, wie zum Beispiel Smartphones verarbeitet. Tantal ist sehr schwer rückzugewinnen. Dies trifft besonders auf die Anwendung in neuen Technologiefeldern wie Smartphones oder Wearable Technologies zu, die besonders klein sind, so dass die Materialien im Nanomaßstab gemischt werden. Dadurch lassen sich die Metalle nur schwerlich wieder voneinander trennen. Bis jetzt gibt es für die Firmen wenig Anreiz die Produkte so zu gestalten, dass diese leichter zu recyceln oder zu reparieren wären, um einen längeren Lebenszyklus zu erhalten.

Germanium ist neben Molybdän, Tellur oder Selen ein Beispiel für ein Hochtechnologieelement. Für die Industrie 4.0 ist es von unmittelbarer Bedeutung, da es ein unverzichtbarer Bestandteil von Glasfaserkabeln ist, die im Breitbandausbau benötigt werden. Deutschland ist mit 20 bis 25 Prozent einer der größten globalen Verbraucher. Es wird größtenteils als Nebenprodukt bei der Zinkerz-Aufbereitung gewonnen, daher sind Problematiken des Zinkabbaus und –schmelzen, wie die Verschmutzung der Umwelt durch Kadmium, auch direkt mit Germanium verbunden. Der Großteil des verbrauchten Germaniums wird in der Inneren Mongolei (China) produziert. Dort bringt der Abbau Umweltbelastungen mit sich, aus denen zum Teil soziale Spannungen zwischen den geschädigten Bürger/innen und den verschmutzenden Betrieben entstehen. Zudem schätzt das Fraunhofer Institut Germanium bei steigendem Bedarf als Kritisches Mineral ein und prognostiziert Versorgungsengpässe bis 2030.

Ausblick

In dem von Wirtschaftsverbänden und Wirtschaftsministerium dominierten Diskurs um Industrie 4.0 werden rohstoffintensive Prozesse verschwiegen. Ein Zuwachs an Effizienz allein wird nicht zu einer absoluten Reduktion des Rohstoffverbrauches führen. Vor dem Hintergrund, dass der Abbau von Rohstoffen mit großen ökologischen Risiken und oft katastrophalen Folgen für lokale Bevölkerungen verbunden ist, sind hierfür sind Debatten, Maßnahmen und Ziele dringend erforderlich.

Um Deutschlands Mitverantwortung für die Einhaltung der Menschenrechte und den Schutz der Umwelt in Abbauländern im globalen Süden gerecht zu werden, müssen deutsche Unternehmen Verantwortung entlang der gesamten Lieferkette übernehmen. Sie müssen daher zur Einhaltung von Sorgfaltspflichten gegenüber Menschenrechten verbindlich verpflichtet werden. Dies gilt insbesondere in Hinblick auf Konfliktmineralien. Um überprüfen zu können, ob die Sorgfaltspflichten eingehalten werden, bedarf es einem Höchstmaß an Transparenz entlang der Lieferkette. Tatsächlich mögen sich in diesem Bereich durch Industrie 4.0 sogar Chancen für mehr zivilgesellschaftliche Kontrolle ergeben. Eine Studie des ZVEI prognostiziert nämlich, dass Unternehmen ihre Lieferketten durch erhöhte unternehmensübergreifende Digitalisierung besser nachvollziehen könnten. Eine Offenlegung von Lieferketten und Zahlungsflüssen kann allerdings nur durch eine konsequente Politik durchgesetzt werden, die Unternehmen im Rohstoffsektor sowie Finanzdienstleister und Investoren dazu gesetzlich verpflichtet.

Aufgrund des wohl steigenden Energieverbrauchs von Industrie 4.0, ist zu beachten, dass der Ausstieg aus Nutzung und Gewinnung fossiler Energieträger erforderlich ist. Ein wichtiger Beitrag dazu wäre ein Kohleausstiegsgesetz, um schrittweise die Braun- und Steinkohleverstromung einzustellen.

Zudem brauchen Länder des globalen Südens Entwicklungsperspektiven. Das Ziel von Industrie 4.0 ist Deutschland und Europa einen klaren Wettbewerbsvorteil durch eine hochtechnologisierte Industrie zu verschaffen. In dieser Vorstellung bleiben die Länder des globalen Südens reine Rohstofflieferanten. Eine Stärkung ihrer Industrien durch Digitalisierung ist nicht vorgesehen. Um den weiteren wirtschaftlichen und sozialen Abstand zwischen Nord und Süd nicht weiter zu befördern, müssen stattdessen, desto mehr Industrie 4.0 hier Realität wird, Technologietransfers in den globalen Süden vorgenommen werden.

 

Katja George studiert Agrarökonomik an der Humboldt- Universität zu Berlin. Seit April 2016 absolviert sie ein Praktikum bei PowerShift e.V.

 

Zum Weiterlesen

BDI: Die digitale Transformation der Industrie

BMWI: Industrie 4.0 und Digitale Wirtschaft

Bitkom: Industrie 4.0 –wie Sensoren, Big Data und 3D-Druck die Produktion und die Arbeit in der Fabrik verändern

European Commission: Digitising European Industry

FAZ: „Das beste Fachwissen kann heute nachgeahmt werden“

Greenpeace: Clicking Green – A Guide for Building the Green Internet

Plattform Industrie 4.0: Was ist Industrie 4.0?

pwc: Industry 4.0 – Opportunities and Challenges of the Industrial Internet

SAP: The CEO Perspective – Internet of Things for Mining and Metals

SPD: Positionspapier der SPD-Bundestagsfraktion Industrie 4.0 gestalten

Wired Business: The Internet of Things could drown our environment in gadgets