Energiewende konsequent denken – Bericht von der Tagung „Schon mal abschalten?!“

Energiewende konsequent denken
Bericht von der Tagung „Schon mal abschalten?!“ am 8.3.2013 in Hannover

Einladende Arbeitskontexte: Attac AGs Energie, Klima, Umwelt (EKU) und Jenseits des Wachstums (JdW), PowerShift, BUKO Arbeitsschwerpunkt Gesellschaftliche Naturverhältnisse.

Deutschland diskutiert über den Ausbau der erneuerbaren Energien, über Strompreise, Gebäudedämmung, die EEG-Umlage. Dabei stehen vor allem technische Details im Fokus, so dass man denken könnte, wir müssten IngenieurInnen oder PhysikerInnen sein, um über die Energiewende zu sprechen. Fundamentale Fragen an unser, auf Überflussproduktion angelegtes Wirtschaftssystem werden dabei selten gestellt. Gleichzeitig gibt es einen wachstumskritischen Diskurs, der sich stark auf die Frage des individuellen Lebensstils und Konsumverzichts fokussiert.
Die Tagung „Schon mal abschalten?! – Wie können klimaschädliche Industriebereiche beendet werden?“ wollte den Anstoß geben, in Positionen zur Energiewende jetzt konsequent Fragen der Industrieproduktion einzubeziehen. Die Konferenz baute auf der These auf, dass ein Abschalten energieintensiver Produktionsbereiche unumgänglich ist, damit jetzt der Ausstieg aus Kohle- und Atomkraft gelingt und der Klimawandel effektiv begrenzt werden kann. Energiewende als wirtschafts- und gesellschaftspolitische Abkehr von einer „imperialen Lebensweise“ (Wissen, Brand) zu verstehe, wäre demnach Voraussetzung dafür, dass sie zur globalen Klimagerechtigkeit beiträgt und kein kapitalistisches Luxus-Investitionsprogramm wird. Dass die Fragestellungen, die sich aus dieser These ergibt, einen Nerv getroffen haben, zeigte die große Resonanz der Tagung: über 100 Personen aus dem ganzen Bundesgebiet – WissenschaftlerInnen, AktivistInnen, Mitglieder von Gewerkschaften und Umweltverbänden – kamen an einem sonnigen Samstag nach Hannover, um über diese Fragen zu debattieren.

„Um die schlimmsten Folgen der globalen Erwärmung zu verhindern, sind sofortige massive Energieeinsparungen nötig. Da diese nicht allein durch Effizienz zu erreichen ist, müssen wir uns trauen, über Abschalten und Konversion von Produktion zu reden. Dann müssen wir aber die Konsequenzen sehr ernst nehmen, die sich daraus ergeben“, so die EinladerInnen der Tagung. Denn dann geht es sofort um die Frage von Arbeitsplätzen, um Modelle sozialer Sicherung in einer Postwachstums-Wirtschaft, um die Verhinderung von Auslagerung schmutziger Industrie. Und hinter all dem immer um gesellschaftliche Aushandlungsprozesse – von Kooperationen mit Gewerkschaften bis zu vielfältigem aktivistischem Widerstand.
Die Frage, wie klimaschädliche Industriebereiche abgeschaltet werden können, wurde in Workshops beispielhaft für die Bereiche Rüstung, Mobilität und Agrarindustrie vertieft. Angesichts der Tatsache, dass militärische Aktivitäten, für ca. 10 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich sind, war gerade in diesem Bereich ein Zusammenbringen von Ökologie- und Konversionsbewegung fruchtbar. Am Nachmittag wurde in einer Reihe von Kurzvorträgen untersucht, welche sozialen Konsequenzen ein konsequentes Abschalten der genannten Industriebereiche hätte und was wir der Angst etwa vor dem Verlust von Arbeitsplätzen entgegensetzten könnten. Verschiedene Lösungsansätze, wie das bedingungslose Grundeinkommen oder regionale, selbstverwaltete Produktionsweisen wurden durchaus kontrovers diskutiert. „Viele der dargestellten Ansätze sind tolle Ideen – allerdings für das Leben nach einer gesellschaftlichen Transformation, die wir noch nicht geschafft haben“, sagt eine Teilnehmerin. „Wir können die Rüstungsindustrie nicht dadurch abschaffen, indem wir unsere Schaufelradbagger selber basteln.“, so eine andere Stimme. „Auf dem Weg zur Postwachstumsökonomie müssen wir auch Widerstand leisten“, sagt eine junge Frau aus dem Publikum, „Das heißt: auf die Straße gehen, Bäume besetzen, sich vor Kraftwerkstore setzen.“ In Beiträgen zur Konversion wurde deutlich, dass jetzt der Austausch mit GewerkschafterInnen wiederbelebt werden muss – zu einem sowieso anspruchsvollen Thema jetzt mit dem untrennbaren Aspekt der globalen Klimagerechtigkeit. Berichte aus Mexiko und den Philippinen zeigten den Widerstand gegen verwüstende Produktion als Thema einer wachsenden Bewegung des „Globalen Südens“ – im Süden der Welt wie auch in Europa.
Die Tagung hatte natürlich nicht den Anspruch, innerhalb von acht Stunden Antworten auf alle aufgerissenen Fragen zu geben. Sie war vielmehr der Auftakt für einen Arbeitsprozess, der unter anderem auf der European Summer University in Paris und auf der Degrowth-Konferenz in Leipzig weitergeführt werden wird. Und der Anfang einer Debatte, der wir uns stellen müssen. Dringend.

Link zum Programm und zu den ReferentInnen