„Der Bürgermeister fragt schon nach Waffen!“ – Rohstoffprojekt in den Philippinen

Tampakan könnte eigentlich ein ruhiges, kleines, nahezu verschlafenes Nest sein. Es liegt im Süden der Philippinen auf der Insel Mindanao, am Fuße des Mount Matutum, einem der 22 aktiven Vulkane der Philippinen. Die Kleinstadt ist nur wenige Kilometer von der Provinz-Hauptstadt Koronadal City entfernt. Doch in dem Grenzgebiet von vier Regionen liegen insgesamt 375.000 Tonnen Kupfer und 360.000 Unzen Gold unter der Erde. Dadurch besitzt der Ort eine der wertvollsten, unentschlossenen Rohstofflagerstätten der Welt. Seit den 1990ern haben mehrere ausländische Konzerne, darunter Western Mining Corporation, Indophil Resources (jeweils aus Australien), Xstrata und Glencore (jeweils aus der Schweiz) versucht, einen Abbau dieser Lagerstätten zu forcieren. Sie alle sind erbärmlich gescheitert, haben viele Millionen Euro verloren und mussten sich unverrichteter Dinge aus den jeweiligen Projekten zurückziehen. Zuletzt hat Glencore seine Beteiligung an dem Projekt im Sommer 2015 mit hohen Verlusten verkauft. Gescheitert sind sie am Widerstand der Indigenen Gemeinschaft der B’laan, der Zivilgesellschaft, der Kirchen, der lokalen Politik und den vielen Aktiven. So könnte eine Narrative des Erfolges aussehen.

Bischof Gutierrez und Dr. Beyani präsentieren Auswirkungen von Bergbau auf Indigene in Tampakan (Michael Reckordt Juli 2015)

Bischof Gutierrez und Dr. Beyani präsentieren Auswirkungen von Bergbau auf Indigene in Tampakan (Michael Reckordt Juli 2015)

Doch es gibt auch die Schattenseite, die andere Geschichte: Im Morgengrauen des 18. Oktober 2012 kam es laut Angaben der Armed Forces of the Philippines (AFP) zu einem Schusswechsel zwischen der AFP und Indigenen. Bei diesem Schusswechsel wurden Juvy Capion und ihre beiden minderjährigen Söhne Jon und Jordan von der Armee in dem vermeintlichen Gefecht getötet. Medien, Kirche und Zivilgesellschaft sagen, es gab nie ein Gefecht, da die vom Militär gesuchte Person längst nicht mehr in dem Dorf anwesend war. Aktivist/innen sprechen daher von einem Massaker an der Familie. Vertreter/innen der Diözese in Koronadal bestätigten bei einem Besuch Ende Juli 2015, dass bis heute keine ziviler Gerichtsprozess gegen die beteiligten Soldaten begonnen hat.

Der Tod der Familie Capion war der bis dato tragische Höhepunkt eines Konfliktes, der auf allen Seiten weit mehr als ein Dutzend Tote gefordert hat. Denn Tampakan steht wie kaum ein anderes geplantes Bergbauprojekt für eine tödliche Gewaltspirale, die am Ende keinen Gewinner kennen wird. Ein Human Rights Impact Assessment von dem Duisburger Institute for Development and Peace (INEF) kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Die philippinische Armee, private Sicherheitsdienste, semi-private Investitionsverteidigungskräfte (Investment Defense Forces), maoistische Guerilla und bewaffnete Indigene haben Tampakan zu einem Synonym für eine Region machen lassen, in der die geplante Rohstoffgewinnung Ursache für die Ermordung von Frauen und Kindern, Indigenen und Arbeitern, Soldaten und NGO-Aktivisten ist.

Datal Aliung - Wird es dem Bergbau weichen müssen? (Michael Reckordt, Juli 2015)

Datal Aliung – Wird es dem Bergbau weichen müssen? (Michael Reckordt, Juli 2015)

Das Grundproblem ist recht einfach umrissen: Ein Großteil der Indigenen Bevölkerung sagt, dass sie auf gar keinen Fall die Zustimmung für einen Abbau geben werden. In Datal Aliung, wo bei einem potentiellen Abbau der Frischwasserdamm für die Bewässerung der Mine entstehen würde, sagen die Betroffenen, sie werden ihr Land notfalls auch mit Waffengewalt verteidigen. Auf der anderen Seite stehen einige, die sich von dem Bergbauprojekt Profite erhoffen. Dazu gehört der Bürgermeister von Tampakan, der laut Governeurin Daisy Avance-Fuentes schon nach Waffen gefragt haben soll, um Rebellen zu bekämpfen und das Land zu befrieden.

Zwischen diesen Polen stehen weitere Unbeteiligte. Zum Beispiel die Indigenen aus dem Dorf S’bangken, die sich bei dem Free Prior Informed Consent (FPIC), als der frühzeitigen und voll informierten Konsensgebung, hintergangen fühlen. Ihre traditionellen Anführer/innen seien niemals befragt worden, sagen zum Beispiel Milio und Danny Puli. Nora Puli-Sukal ergänzt, dass durch die staatliche Behörde die gesetzlich festgeschriebenen Rechte der Indigenen verletzt worden seien. So würden sie auf keinen Fall dem Abbau zu stimmen. Der nationalen Behörde (National Commission on Indigenous People, NCIP) wird häufig vorgeworfen, Regeln nicht einzuhalten und den FPIC nicht gemäß der Gesetze durchzuführen. Vertreter/innen der Diözese haben daher angekündigt, gegen das regionale Büro des NCIP Klagen einzureichen.

In dem Nachbar-Dorf von S’bangken ist das „Nein“ entschiedener. Hier geht es nicht um formale Fehler bei der Einbindung und Mitbestimmung. Nachdem SMI – damals noch unter Mangagement-Kontrolle von Glencore – im November 2012 das vorläufige Ende der Aktivitäten angekündigt hat, zog sich das Militär zurück und die gewaltsamen Konflikte hörten auf. Bei ihrem „Nein“ zum Abbau spielt es auch keine Rolle, ob der Konzern aus der Schweiz, Australien, China oder den Philippinen komme. Sie wollen nicht ihr Land verlieren, so Pilo Capion.

Indigene Gemeinschaft in S'bangken diskutiert über Free Prior Informed Consent (Michael Reckordt Juli 2015)

Indigene Gemeinschaft in S’bangken diskutiert über Free Prior Informed Consent (Michael Reckordt Juli 2015)

Auch der UN-Special Rapporteur on the Human Rights of Internally Displaced Persons, Dr. Chaloka Beyani, besuchte die Indigene Gemeinschaft. Er betonte auf einer Veranstaltung am 26. Juli in Koronadal City noch einmal das Recht der Indigenen, auf Selbstbestimmung. „Es gibt keinen Konsens“ für das Projekt, „selbst wenn sie irgendwelche Papiere unterzeichnet haben“, betont Beyani und ermuntert Indigene, Aktivist/innen und Kirche sich weiterhin für das Recht der B’laan einzusetzen. Beyani, dessen Besuch bei den Indigenen von der philippinischen Regierung mit allerhand diplomatischen Taschenspieler-Tricks versucht wurde, zu verhindern, ermahnte die Regierung, dass sie sich vor der UN verpflichtet hätten, die Rechte von Minderheiten genauso zu schützen, wie das Recht auf Nahrung und Gesundheit.

Mit dem Rückzug von Glencore im Sommer 2015 haben die Indigenen in Tampakan eine weitere Schlacht gewonnen. Doch sie werden weiterhin vor Herausforderungen stehen, solange sie auf den Rohstoffen sitzen, das wissen auch Farah Sevilla und Danny Arias von Alyansa Tigil Mina, einem landesweiten Bündnis von Aktivist/innen, die zu den Auswirkungen des Abbaus arbeiten. Es gibt keinen Grund, lange zu feiern, denn die Präsidentschaftswahlen stehen im nächsten Jahr an und einer der Topfavoriten auf den Posten, Jejomar Binay, hat in Interviews angedeutet, gerade den Bergbau-Sektor auszubauen. Was das in Tampakan heißt, wissen alle Beteiligte, offen aussprechen will es im Moment aber niemand!

Stop mad mining logoPowerShift ist Mitglied im „Stop Mad Mining“-Netzwerk, dass sich im Europäischen Jahr für Entwicklung (EYD2015) kritisch mit dem Verbrauch von Rohstoffen hier und dem Abbau in den rohstoffreichen Ländern beschäftigt. Michael Reckordt bereiste die Philippinen im Sommer 2015. Das hier ist der zweite Teil seines Reiseberichts. Einen ersten über die Auswikrungen von Nickelabbau finden Sie hier.

This article has been produced with the assistance of the European Union. The contents of this article are the sole responsibility of the Project (Co-) Beneficiaries, and can in no way be taken to reflect the views of the European Union.

European Year for Development #EYD2015

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