Chinas Rohstoffpolitik ist keine Entschuldigung für die deutsche Industrie

Zur diskursiven Einordnung

62 Prozent der „Entscheider“ in deutschen Unternehmen erwarten, „dass zunehmend mehr chinesische Mitbewerber auf die Märkte drängen, und 59 Prozent befürchten, dass die Chinesen den Vorsprung, den es jetzt noch gibt, in den kommenden fünf Jahren aufholen werden“ (PwC 2015). Auch im Rohstoffbereich haben inzwischen zahlreiche chinesische Unternehmen im In- und Ausland die Nase vorn: China ist nicht nur der insgesamt wichtigste Rohstoffproduzent der Welt, sondern inzwischen auch in zahlreichen Staaten am Rohstoffabbau oder Handel beteiligt. Das versetzt viele Unternehmer*innen in Angst, gut getroffen von einem 2012 erschienenen Buchtitel: „Die gelbe Gefahr. Wie Chinas Gier nach Rohstoffen unseren Lebensstil gefährdet.“ So wirkt das rassistische Motiv aus dem 19. Jahrhundert, im Englischen the yellow peril, bis heute fort. Der Kabarettist Rainald Grebe greift diese Stereotype in seinem Lied „China“ auf, wenn das lyrische Ich die Sorgen der deutschen Wirtschaft teilt: „Der Chinese überholt uns noch.“

„Alle sagen China, China. Alle sagen China, China“, heißt es in dem Songrefrain. Und tatsächlich: Auf Podiumsdiskussionen von Politik und Wirtschaft wird „China“ als Entschuldigung oder Rechtfertigung für das eigene Handeln gerne ins Feld geführt. Auch die Veröffentlichung der „Deutschen Rohstoffstrategie der Bundesregierung“, die im Oktober 2010 auf dem 3. Rohstoffkongress des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) präsentiert wurde, wurde von einem „mediale[n] Dauerfeuer“ begleitet: „‚Konflikt mit China: Merkel eröffnet Kampf um Rohstoffe‘ (Handelsblatt)“ (Reckordt 2015). „China“ scheint zu einem geflügelten Wort geworden zu sein, mit dem alles gesagt ist. Keine Menschenrechte, keine Umweltstandards, kein Copyright – das seien die Wettbewerbsvorteile chinesischer Unternehmen. So weiß Grebe: „Die werden auch immer dreister. […] Ich bin hier der Exportweltmeister!“ Um genau diesen Titel zu verteidigen, kommt dem einstigen Meister die zündende Idee: „und dann sprech‘ ich die Menschenrechte an.“ So führen deutsche Industrievertreter*innen gerne an, dass menschenrechtliche Sorgfaltspflichten in der Lieferkette und höhere Umweltstandards nicht für chinesische Unternehmen gelten – und man sie auch nicht gemeinsam umsetzen könne. Deshalb seien höhere Standards für die eigenen Geschäfte nicht zu akzeptieren, denn sie gefährden das level playing field, die Wettbewerbsfähigkeit.

Weil man selbst der bessere (weil fairere, umweltbewusstere, demokratischere) Partner ist, wird die Tatsache, dass China inzwischen der größte bilaterale Handelspartner des afrikanischen Kontinents ist, nicht von allen gern gesehen: Hillary Clinton warnte in der sambischen Hauptstadt Lusaka bereits vor „neuem Kolonialismus“ und rohstofffixierten Interessen, die „good governance“ untergraben würden (Pambazuka 2011). Stephen Chan von SOAS University of London kritisiert diesen von vielen westlichen Journalist*innen und Politiker*innen getragenen Diskurs als rassifiziert: Chines*innen würden als böse Rohstoffräuber dargestellt, Afrikaner*innen als unfähig, die „richtigen Entscheidungen“ zu treffen (2011). Auch die Untersuchung von fast 9.000 Beiträgen der Chinaberichterstattung deutscher Medien ergab, „dass etwas mehr als die Hälfte dieser Beiträge sich lediglich in allegorischer und stereotypisierender Form auf China bezieht“ (Heinrich-Böll-Stiftung 2010). Nur 1,2% der damals untersuchten Beiträge widmen sich explizit den chinesisch-afrikanischen Beziehungen, diese würden aber häufiger am Rande anderer Artikel erwähnt: „Dabei wird in Nebensätzen auf den Rohstoffraubbau in Afrika oder die Rolle Chinas als neuer Hegemon Bezug genommen, ohne dieses Bild näher zu hinterfragen“ (ebd.).

„China in Afrika“ ist zu einem symbolischen Bild für den ökonomischen und politischen Aufstieg des Reichs der Mitte geworden. Dabei ist China auf dem afrikanischen Kontinent nicht aktiver als in anderen Regionen dieser Welt. Investiert wird überall, zweifelsohne auch im Rohstoffbereich. Die diesbezügliche Notwendigkeit sieht die chinesische Regierung in dem stark gestiegenen Rohstoffverbrauch der letzten Dekaden.

Das chinesische Weißbuch zur Rohstofffrage

Wie so oft, wenn es um China geht, sind die Zahlen beeindruckend, manchmal auch erschreckend: Zwischen 1980 und 2010 verdoppelte sich der Öl- und Kohleverbrauch rund alle zwölf, der Gasverbrauch zwischen 1995 und 2010 sogar alle fünf Jahre. Der Kupferkonsum hat sich zwischen 2000 und 2010 verdreifacht, die Stahlproduktion im selben Zeitraum verfünffacht und damit die Nachfrage nach Eisenerz drastisch erhöht. Noch schneller wuchs die Aluminiumproduktion, was wiederum den Bauxit- und Aluminaverbrauch enorm erhöhte (Economy & Levi 2014). Die Gründe dafür sind bekannt: Nach den unter Deng Xiaoping angestoßenen ökonomischen Reformen wurde China zur „Werkbank“ der Welt, westliche Unternehmen siedelten dort ihre Produktion an, chinesische Firmen holten rasch auf. Das Millenniumsentwicklungsziel der UN, globale extreme Armut um die Hälfte zu reduzieren, konnte nur erreicht werden, weil in China zwischen 1981 und 2010 rund 680 Millionen Menschen aus extremer Armut aufstiegen. Das macht drei Viertel des Reduktionserfolgs aus (The Economist 2013; The Guardian 2015).

Für 1,3 Billionen Menschen dieses Landes, für die Fabriken und Produkte dieser Werkbank der Welt, für ihre zahlreichen Megastädte und die dafür notwendige Infrastruktur werden Rohstoffe gebraucht. So ließen genau jene ökonomischen Reformen, die das rasante Wachstum einleiteten, die Volksrepublik einer früheren Priorität den Rücken kehren: der Selbstversorgung, der wirtschaftlichen Unabhängigkeit. Zwar versuchte die chinesische Regierung angesichts der steigenden Rohstoffnachfrage, die inländische Produktion anzukurbeln, doch es war schnell klar, dass dies nicht ausreichen würde. Am 23. Dezember 2003 veröffentlichte das Informationsbüro des Staatsrats der Volksrepublik China ein Weißbuch: China’s Policy on Mineral Resources. In einem Vorwort und sechs Kapiteln werden die wesentlichen Ziele und Prinzipien der Rohstoffversorgung dargelegt. Eine zentrale Aussage findet sich dabei im allerletzten Absatz: „China ist ein developing country mit einer großen Bevölkerung und relativer Knappheit an Ressourcen.“

Dieser „relativen Ressourcenknappheit“ gilt es zu begegnen, um in den ersten zwanzig Jahren des 21. Jahrhunderts eine „auf vielseitige Weise wohlhabende Gesellschaft“ aufzubauen. Für die Gewährleistung des Rohstoffbedarfs für dieses Modernisierungsprogramm sei China hauptsächlich von der Ausbeutung der eigenen mineralischen Rohstoffe abhängig. Besonders die westlichen Regionen des Landes – in denen ursprünglich vor allem ethnische Minderheiten, zum Beispiel Uigur*innen und Tibeter*innen, wohnten – sind rohstoffreich. Dort wie im ganzen Land unterstützt die chinesische Regierung Fördervorhaben.

Das vierte und für diesen Artikel relevanteste Kapitel des Weißbuchs widmet sich dem Widening the Opening of, and Cooperation in, Mineral Resources Exploration and Exploitation. Die Politik der Öffnung gegenüber der Welt soll fortgeführt werden und China eine aktive Rolle in der internationalen Kooperation einnehmen. „Kooperation“ – heute auch: win-win cooperation – sowie „Reziprozität“ und „gegenseitiger Nutzen“ sind fester Bestandteil der außenpolitischen Rhetorik. So möchte die Regierung den „Austausch von inländischen und ausländischen Ressourcen, Kapital, Information, Technologie und Märkten auf der Basis von Reziprozität und gegenseitigem Nutzen“ im Bereich mineralischer Ressourcen fördern. Um ausländische Unternehmen anzulocken, sollen diese von bestimmten Abgaben befreit, die Einhaltung der WTO-Regeln zur Nicht-Diskriminierung strikt gewahrt und ihnen alle geologischen Daten verfügbar gemacht werden. Doch es geht nicht darum, nur klassische FDI-Anreize zu schaffen: Ziel ist die Abhängigkeit von hauptsächlich ausländischen Krediten und Direktinvestitionen zu reduzieren. Stattdessen soll eine direkte Nutzung internationaler Bergbaukapitalmärkte erwirkt werden. Chinesische Bergbauunternehmen sollen in der Kooperation mit internationalen Firmen unterstützt werden, um Expertise, modernes Management und Technologie zu importieren und künftig im Einklang mit internationalen Praktiken zu operieren. Joint Ventures und Kooperationen in der Bergbauindustrie sollen aufgebaut werden. Als gelungenes Beispiel wird die Ölindustrie genannt, die China 1982 öffnete, um ausländisches Kapital und Technologie für die Suche nach und Ausbeutung von Öl- und Gasressourcen zu nutzen. Resultat sei, das nun wesentlich höhere Mengen gefördert würden und China selbst mit der Förderung von Öl außerhalb des eigenen Landes begonnen hätte.

China 2016: Restriktionen für Kleinstabbau von Kohle wurden zurückgenommen (© LHOON | Flickr Commons)

Tatsächlich war es zuallererst Japan, dass nach jahrelangen Verhandlungen 1978 Dutzende Verträge mit China abschloss: Japan finanziert den Aufbau moderner Anlagen und industrielle Technologie in Milliardenhöhe, China zahlt alles mit Kohle und Rohöl zurück (Brautigam 2009). Genau dieses „Entwicklungsmodell“ exportiert China nun. Berühmt geworden ist das Beispiel Angola: Seit 2004 hat China Eximbank Kredite in Milliardenhöhe vergeben und dadurch unter anderem Sinopec den Zugang zu großen Ölfeldern gesichert. Unter dem Slogan „(Infrastruktur)projekte für Ressourcen“ wurden 2008 mit der Demokratischen Republik Kongo langfristige Lieferverträge für Kupfer und Kobalt ausgehandelt; eine Analyse dieses Deals findet sich bei Global Witness (2011). Die Grundlage für diese Abkommen war bereits in Kapitel IV des Weißbuchs angelegt: Der direkte Import mineralischer Produkte würde für lange Zeit der wichtigste Weg sein, um ausländische mineralische Rohstoffe zu nutzen. Deshalb sollen langfristige Lieferverträge gefördert werden. Darüber hinaus unterstützt die chinesische Regierung inländische Unternehmen in der direkten Förderung und Nutzung ausländischer mineralischer Rohstoffe. Auslandsinvestitionen im Bergbaubereich sollen gefördert und im Einklang mit internationalen Praktiken gebracht werden. Ebenfalls unterstützt wird dies durch die 1999 veröffentlichte „Go Out“ bzw. „Going Global“ Strategie, die chinesische Unternehmen zu Auslandsinvestitionen aufruft und sie in der Entwicklung und Umsetzung einer diesbezüglichen Strategie fördert.

Chinese Due Diligence Guidelines for Responsible Mineral Supply

So sind inzwischen zahlreiche chinesische Firmen, staatliche wie private, im Ausland aktiv. Ihr Ruf ist oft nicht der beste. Auch Stephen Chan (2016) sagt klar: „Besonders einige dieser privaten Investoren sind eine Schande.“ Dabei ist es durchaus im Interesse der chinesischen Regierung und vieler Unternehmen, im „Einklang mit internationalen Praktiken“ zu agieren, wie es in dem Weißbuch aus dem Jahr 2003 mehrfach heißt. Nicht zuletzt liegt dem ein ökonomisches Interesse zugrunde: Chinesische Firmen und Produkte sollen nicht mit mangelnder Qualität und Menschenrechtsverletzungen in Verbindung gebracht werden, sondern sich zu positiv wahrgenommenen Marken entwickeln. Dies geht einher mit der „Made in China 2025“-Strategie. China soll durch Automatisierung und Digitalisierung der Produktion zu einer „Industriemacht“ werden, die es mit Deutschland, Japan und den USA aufnehmen kann (MERICS 2015).

Entsprechend werden internationale Entwicklungen und Berichte genauestens verfolgt – und auf die Kritik reagiert. Global Witness, die noch 2011 den „Infrastruktur-für-Rohstoffe“ Deal zwischen China und der Demokratischen Republik Kongo genauestens unter die Lupe genommen hatten, wurden von der Chinese Chamber of Commerce of Metals, Minerals and Chemical Importers and Exporters (CCCMC) eingeladen, Richtlinien für Verantwortung in der Rohstofflieferkette zu erarbeiten. In Kooperation mit der GIZ und der OECD sowie nach zwei öffentlichen Konsultationsprozessen wurden 2015 die Chinese Due Diligence Guidelines for Responsible Mineral Supply Chains vorgestellt. Die Richtlinien sind anwendbar für alle chinesischen Firmen, die Rohstoffe oder Mineralprodukte abbauen oder an irgendeinem Punkt in ihrer Lieferkette nutzen. Sie beinhalten ein fünfstufiges Rahmenwerk zur risikobasierten Überprüfung der Lieferkette, das auf der international als best-practice anerkannten OECD Due Diligence Guidance basiert. Dieser Prozess soll durch Dritte unabhängig überprüft werden (third party audit). Im Prinzip gelten die Richtlinien für alle chinesischen Firmen, die an irgendeinem Punkt in ihrer Lieferkette Rohstoffe verwenden. Zunächst soll der Fokus jedoch auf den so genannten Konfliktmineralien Gold, Zinn, Wolfram und Tantal sowie auf Schmelzen und Firmen im Upstream-Bereich liegen. Einen Länderfokus gibt es nicht.

Ein entscheidendes Manko haben diese Richtlinien allerdings: Sie sind freiwillig. Das sind die OECD-Standards etwa in Europa, Kanada, Japan oder Australien heute allerdings auch. Chinesische Firmen, die die Chinese Due Diligence Guidelines anwenden, bekommen Unterstützung bei der Umsetzung und können zwischen zwei Modellen wählen, den basic responsible sourcing practices oder den extended responsible sourcing practices, die auf umfassendere Umwelt- und Sozialstandards setzen. RCS Global, eines der führenden Audit-Unternehmen in diesem Bereich, kommt zu dem Schluss, dass an verantwortungsbewussten Lieferketten interessierte Firmen die chinesischen Richtlinien nutzen können, um sich diesbezüglich mit ihren in China niedergelassenen Zulieferern auseinanderzusetzen. Angesichts der Freiwilligkeit der Richtlinien hängt ihre Umsetzung jedoch stark von den mehr als 6.200 Mitgliedsfirmen der CCCMC (und deren Käufern) ab (RCS Global 2015).

Letztendlich ist genau diese „Freiwilligkeit“ der Umsetzung der springende Punkt: Nur verbindliche Regeln schaffen verbesserte Standards in der Lieferkette. In der in Kürze erscheinenden Untersuchung Ethical risks in the supply chain of electronic devices-potentials and limits of an EU regulation on conflict minerals and further governance approaches haben Johanna Sydow (GermanWatch) und Antonia Reichwein (Universität Magdeburg) die verschiedenen „Regelungsansätze“ und freiwilligen Standards im IT-Sektor auf die Abdeckung ethischer Risiken, ihrer Verbindlichkeit, Glaubwürdigkeit, und ihrer Umsetzungstransparenz geprüft. Sie kommen zu dem Schluss, dass es im gesamten IT-Sektor für die meisten ethischen Risiken in der Rohstofflieferkette keine bindenden Rahmenwerke gibt. Während es viele freiwillige Ansätze gibt, mangelt es jedoch extrem an der Transparenz bzgl. der tatsächlichen Umsetzung dieser Ziele. Die wenigen vorhandenen verbindlichen Rahmenwerke weisen Schlupflöcher auf. Zwar wurden am 22. November 2016 die Verhandlungen über eine EU-Verordnung abgeschlossen, die gewährleisten soll, dass mit dem importierten Gold, Zinn, Wolfram und Tantal keine Konflikte oder Menschenrechtsverletzungen finanziert wurden. Doch auch diese Verordnung ist nur für den Upstream-Bereich und Erstimporteure verbindlich, das heißt, sie greift nur „von der Mine bis zur Schmelze“, und weist auch in diesem Bereich diverse Schlupflöcher auf (PowerShift 2016). Was fehlt, sind nicht nur verbindliche Anforderungen für den Downstream-Bereich, wodurch auch die IT-Industrie in die Pflicht genommen wäre, sondern eine Berücksichtigung aller Rohstoffe in allen Abbaugebieten.

Absetzbecken für Nickel, das von den Philippinen nach China export wird (© Michael Reckordt)

In dem von Sydow und Reichwein erstellten Vergleich der normativen Standards schneiden die Chinese Due Diligence Guidelines for Responsible Mineral Supply Chains inhaltlich nicht schlechter ab als ihre europäischen oder US-amerikanischen Geschwister. In Bezug auf die Umweltrisiken sind sie sogar etwas genauer als das Pendant der OECD. Die Ausarbeitung der Chinese Due Diligence Guidelines zeigt, dass die chinesische Regierung bei internationalen Entwicklungen – wie keimenden gesetzlichen Regelungen zur Unternehmensverantwortung – nicht das Schlusslicht bilden möchte. Deshalb erscheint es wie ein Ablenkungsmanöver, wenn deutsche Unternehmen bei eben diesen gesetzlichen Regelungen auf chinesische Konkurrenz und somit drohende Wettbewerbsunfähigkeit hinweisen. Statt mit dem Finger auf China zu zeigen, sollten sich deutsche Unternehmen an ihre eigene Nase fassen und freiwillige Standards umsetzen, die über Corporate Social Responsibility hinausgehen – und nicht durch Industrieverbände für eine Verwässerung des Nationalen Aktionsplan für Wirtschaft und Menschenrechte agitieren, wie dieser MONITOR-Beitrag vom 08.09.2016  aufzeigt.

(Nicht-)koloniale Verhältnisse

Eben dieser Monitor-Beitrag beginnt mit den Bildern einer brennenden Textilfabrik: Im September 2012 starben 260 Menschen in Karachi, Pakistan, die dort hauptsächlich für den deutschen Textilcounter KiK Kleidung produziert hatten (ECCHR 2016). Während ein Job im Silicon Valley gute Bezahlung und ein angenehmes Arbeitsumfeld verspricht, führt das Unternehmen Apple auf seiner Website stolz an, dass die Arbeitszeit in den Zuliefererfabriken auf 60 Stunden die Woche begrenzt ist (Apple 2016). Der Schweizer Konzern Glencore wurde vor kurzem von einem sambischen Gericht zu Schadensersatzzahlungen verurteilt, weil es die Anwohner*innen seiner Kupferfabrik exzessiven Abgasmengen ausgesetzt hatte. Die Politikerin Beatrice Mithi war an den Folgen gestorben (SRF 2016). Die Verschiffung von radioaktivem Abfall nach Australien ist verboten, die dortigen Gesetze verlangen „strikte Luftverschmutzungskontrollen“. Zugleich droht der durch den australischen Konzern Lynas betriebene Abbau von Seltenen Erden in Malaysia Luft- und Wasserverschmutzungen zu verursachen. Auch der kontaminierte Abfall bleibt vor Ort (Lee 2012).

Die genannten Beispiele illustrieren die herrschenden kolonialen Machtverhältnisse. In Ländern des Globalen Südens werden auf Kosten von Mensch und Umwelt zu Bedingungen produziert, die im Globalen Norden längst verboten sind. Diesen Vorwurf kann man China nicht machen. Im Gegenteil: Noch vor sechs Jahren hieß es bei der BBC (2010), dass China beispielsweise nur für 40 Prozent der globalen Kohleproduktion, aber 80 Prozent der tödlichen Arbeitsunfälle in diesem Bereich verantwortlich sei. Allein in der Woche vom 28. November bis 4. Dezember 2016 starben mehr als 50 Menschen bei Explosionen in zwei tausende Kilometer voneinander entfernten Kohleminen in China (New York Times 2016).

Solange sich an den kolonialen Verhältnissen nichts ändert, kann China die seit dem Kalten Krieg gelebte Süd-Süd-Solidarität ins Feld führen und auf die gemeinsame Vergangenheit der Ausbeutung durch und Widerstand gegen imperiale Mächte verweisen. „Begegnungen auf Augenhöhe“, das Ausbleiben von Belehrungen, die Nicht-Konditionalität von hohen Krediten, und die Tatsache, dass die rasante ökonomische Entwicklung Chinas für viele ein erfolgreiches Modell darstellt, sind im Kontrast zum westlichen Credo der Liberalisierung überaus attraktiv.

Merle Groneweg hat Regionalstudien Asien/Afrika an der Humboldt-Universität zu Berlin studiert. Sie unterstützt PowerShift im Bereich der Rohstoffpolitik.

Literatur

Apple (2016): Arbeiterrechte sind Menschenrechte; online unter: http://www.apple.com/de/supplier-responsibility/labor-and-human-rights/

BBC (2010): The dangers of mining around the world, Olivia Lang, 14.10.2010; online unter: http://www.bbc.com/news/world-latin-america-11533349

Brautigam, Deborah (2009): The Dragon’s Gift. The Real Story of China in Africa, Oxford University Press

Chan, Stephen (2011): China appreciates African aspirations in a way the West does not – IQ2 debates, 28.11.2011; online unter: https://www.youtube.com/watch?v=9Dpp6n2QGsQ

ECCHR (2016): Der Preis der Katrastrophen in der Textilindustrie Südasiens; online unter: https://www.ecchr.eu/de/unsere-themen/wirtschaft-und-menschenrechte/arbeitsbedingungen-in-suedasien/pakistan-kik.html

Economy, Elizabeth C., und Levi, Michael (2015): By All Means Necessary: How China’s Resource Quest is Changing the World, Oxford University Press

The Economist (2013): Towards the end of poverty, 01.06.2013; online unter:
http://www.economist.com/news/leaders/21578665-nearly-1-billion-people-have-been-taken-out-extreme-poverty-20-years-world-should-aim

Global Witness (2011): China and Congo: Friends in Need; online unter: https://www.globalpolicy.org/images/pdfs/friendsinneed.pdf

Global Witness (2015): Financial Disclosure by Chinese oil, gas and mining companies around the world becoming their new normal, 25.03.2015; online unter: https://www.globalwitness.org/en/blog/financial-disclosure-chinese-oil-gas-and-mining-companies-around-world-becoming-their-new-normal/

Global Witness (2015): Global Witness welcomes progressive new Chinese mineral supply chain guidelines; 02.12.2015; online unter: https://www.globalwitness.org/en/press-releases/global-witness-welcomes-progressive-new-chinese-mineral-supply-chain-guidelines/

The Guardian (2015): China has almost wiped out urban poverty. Now it must tackle inequality, Elizabeth Stuart, 19. August 2015; online unter: https://www.theguardian.com/business/economics-blog/2015/aug/19/china-poverty-inequality-development-goals

Lee, Jade (2012): Seltene Erden – Fluch oder Segen für Malaysia?, philippinenbüro und Südostasien Informationsstelle; online unter: http://www.asienhaus.de/public/archiv/bergbau-nr3_malaysia.pdf

MERICS (2015): Industrie 4.0: Deutsche Technologie für Chinas industrielle Aufholjagd?, China Monitor Nr. 23, Jost Wübbeke und Björn Conrad, 11.03.2015; online unter: http://www.merics.org/fileadmin/templates/download/china-monitor/China_Monitor_No_23.pdf

The New York Times (2016): Death Toll in China’s 2nd Coal Mine Blast Rises to 32 03.12.2016; online unter: http://www.nytimes.com/aponline/2016/12/03/world/asia/ap-as-china-mine-blast.html?_r=0

Pambazuka (2011): Contextualising Hillary Clinton’s ‚New Colonialism‘ Remark, Isaac Odoom, 22.06.2011; online unter: http://www.pambazuka.org/global-south/contextualising-hillary-clinton%E2%80%99s-%E2%80%98new-colonialism%E2%80%99-remark

PowerShift (2016): EU: Einigung bei Konfliktrohstoff-Verordnung, weitere Ausnahmen hinzugefügt, 22.11.2016; online unter: https://power-shift.de/eu-einigung-bei-konfliktrohstoff-verordnung-weitere-ausnahmen-hinzugefuegt/

Reckordt, Michael (2015): „China als Vorwand für nichtnachhaltige Rohstoffpolitik“, in: Rohstoffhunger. Perspektiven der Zivilgesellschaft, Stiftung Asienhaus/Nora Sausmikat (Hg.); online unter: http://www.asienhaus.de/uploads/tx_news/2014-11_China-und-Rohstoffe__web_gesichert_01.pdf

RCS Global (2015): Here is what you need to know about China’s new Conflict Minerals Guidelines, Michèle Brülhart Banyiyezako, 26.08.2015; online unter:  http://www.rcsglobal.com/blog/here-is-what-you-need-to-know-about-chinas-new-conflict-minerals-guidelines/

SRF (2016): Gericht in Sambia verurteilt Glencore-Kupferwerk, Res Gehringer, 14.09.2016; online unter: http://www.srf.ch/news/wirtschaft/gericht-in-sambia-verurteilt-glencore-kupferwerk

Sun, Yun (2014): China’s Aid to Africa: Monster or Messiah?, 07.02.2015; online unter: https://www.brookings.edu/opinions/chinas-aid-to-africa-monster-or-messiah/#_ftn14

Sydow, Johanna, und Antonia Reichwein (im Erscheinen): Ethical risks in the supply chain of electronic devices-potentials and limits of an EU regulation on conflict minerals and further governance approaches, in Kürze online verfügbar unter : http://germanwatch.org/en/12888

Facebook Auto Publish Powered By : XYZScripts.com