CDM: Einnahmequelle für die Industrie statt „Saft für alle“

2012 steht bei der UNO unter dem Zeichen von „Erneuerbarer Energie für alle“. Weltweit haben 1,3 Milliarden Menschen keinen Zugang zu Elektrizität. 84% der Betroffenen leben in ländlichen Gebieten, überwiegend in Afrika südlich der Sahara und Asien. Im sub-saharen Afrika (ohne Südafrika) haben 69% der Bevölkerung keinen Zugang zu Strom. Die Internationale Energieagentur (IEA) geht davon aus, dass 2030 noch immer 1,2 Milliarden Menschen keinen Zugang zu Strom haben werden, wenn nicht zusätzliche Mittel in die Bekämpfung von Energiearmut fließen.

Daher sollen über die Sustainable Energy for All Initiative der UN verstärkt Technologien und Konzepte für nachhaltige Energien verbreitet werden. Ziel ist es, bis 2030 Zugang für Energie für alle zu erreichen und gleichzeitig den Anteil der Erneuerbaren Energien auf 40% zu erhöhen sowie die Energieeffizienzrate zu verdoppeln:

To realize a future with Sustainable Energy for All, national Governments must design and implement integrated country actions that strategically transform their energy systems.

Auch mit dem Clean Development Mechanism (CDM) war genau diese Hoffnung verbunden: Zusätzliche Investitionen, damit die Energiesektoren der Gastländer direkt auf einen Energiepfad mit geringen CO2-Emissionen gebracht würden. So könnten nicht nur die Industrieländer ihre Kyoto-Ziele erreichen, sondern auch eine nachhaltige Energieversorgung gefödert werden.

Und auf den ersten Blick sieht es auch so aus, als ob der CDM zum Großteil aus Erneuerbaren-Energien-Projekten bestehen würde. 69% der Projekte werden in der CDM Pipeline des UNEP Risoe Centres den Erneuerbaren Energien zugeordnet.

Schaut man jedoch, wo wie viele Zertifikate generiert werden, sieht das Bild schon ganz anders aus.

Bei den bisher ausgegeben Zertifikaten schrumpft der Anteil der Erneuerbaren Energien auf 20% zusammen. Und diese sogenannten Certificated Emission Reductions (CERs) bringen das zusätzliche Geld für die Projekte. 2% der Projekte, aus dem Bereich der Industriegase (HFKWs, PFCs, SF6- und N2O-Reduktion), streichen 65% der Gewinne ein. Das liegt zum einen an der hohen Klimawirksamkeit der Gase (für eine Tonne HFKW23 werden 11.700 CERs erzielt) und zum anderen an den geringen Projektkosten. Durch den einfachen Einbau von Filteranlagen generieren diese bestehenden Industrieanlagen Millionen von CERs. End-of-Pipe-Projekte tragen aber nicht zu nachhaltiger Entwicklung oder der Überwindung von Energiearmut bei.

Das zeigt das grundsätzliche Dilemma des CDMs: Nachhaltige Entwicklung geht unter, da es keinen finanziellen Anreiz für besonders gute Projekte gibt, sondern schlicht die vermeintliche Klimagasreduktion honoriert wird. Bei dem Gas HFKW23 ist dies besonders brisant. Es handelt sich um ein Abfallprodukt der Kühlmittelherstellung von HFKW22, welches die Ozonschicht schädigt und daher unter dem Montrealer-Protokoll die Produktion mittelfristig auslaufen soll. Im Gegensatz zu diesem Vorhaben bietet der CDM nun den Anreiz die gesamte Produktion so lange wie möglich aufrecht zu erhalten und – bei hohen Zertifikaterlösen – die Produktion sogar hochzufahren. In anderen Fällen, wie der Herstellung von Adipinsäure, wird eine verstärkte Verlagerung der Produktion auf CDM zertifizierte Anlagen festgestellt. Damit wird nichts reduziert, sondern fleißig Emissionen verschoben.

Das bringt einigen Industriebetrieben in Schwellenländern satte Gewinne, doch ansonsten nichts. Brown, Adger, Boyd et.al. kommen schon 2004 in ihrer Untersuchung zu dem Schluss, dass

market-based instruments such as the Clean Development Mechanism may be efficient in theory, but that they are limited in implementation because of the exchange relations within the market. Markets are generally not good at simultaneously meeting societal objectives along with allocation of resources and therefore markets for carbon may not readily deliver the ‘development’ element of the CDM.

Und so versagt der CDM als Instrument gegen Energiearmut. Zugleich wachsen wachsen die CO2-Emissionen weiter. Die Zeit ist reif für neue Formen der Energieproduktion. Wie diese aussehen könnten, untersucht die neue PowerShift-Publikation „Saft für alle! Energiearmut überwinden – Erneuerbare Energien solidarisch produzieren“. Denn wir brauchen nachhaltige Energie für alle – und das nicht nur im Jahr 2012.

7 Kommentare

  1. Nicola Jaeger

    In Thailand will die Alliance of Small Island States (AOSIS) HFKW23-Projekte zu Fall bringe. Dazu Hugh Sealy, Grenadas Unterhändler, der die mehr als 40 tiefliegenden und verletztlichen Staaten in den Verhandlungen repräsentiert: „We don’t want to see HFC-23 under new market mechanisms. We think we should be careful using markets for cutting those emissions.“ (http://uk.reuters.com/article/2012/08/31/us-un-climate-idUKBRE87U0RQ20120831)
    Wir wünschen viel Erfolg.

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