Bergbau in Sachsen – Ein Exkursionsbericht

In Sachsen ist seit einigen Jahren wieder das sogenannte Berggeschrey zu vernehmen, denn das Bundesland ist reich an Rohstoffen und hat eine eigene Strategie zur Nutzung vorgelegt (s.u.). Daher bereiste die AG Bergbau von PowerShift vom 27. bis 29. März 2014 zur internen Fortbildung Sachsen, die Stadt Freiberg und das Besucherbergwerk Wismutstolln. Zwar hatten alle in der Gruppe unterschiedliche Erfahrungen mit den Auswirkungen von Bergbau im Globalen Süden (u.a. in Honduras, Peru, Mexiko, Philippinen, Mongolei), doch waren uns viele der Entwicklungen im heimischen Abbau in Sachsen unbekannt.

Altbergbau

Nach einem gemeinsamen Abendessen am 27. März, stand am folgenden Tag um 9:30 der Besuch des Sächsischen Oberbergamts (OBA) als erste Etappe an. Dort trafen wir uns mit dem Oberberghauptmann Bernhard Cramer, der seit Dezember 2011 diese Stelle innehat. Das OBA ist die ausführende Behörde des Bergrechts in Sachsen. Damit ist es nicht nur für die Vergabe, Kontrolle und gegebenenfalls für die Sanktionierung von Erkundungs- oder Abbauaktivitäten zuständig, sondern hat auch im Falle einer Gefährdung der öffentlichen Ordnung durch Folgeschädigungen des Bergbaus polizeiliche Befugnisse.

Im Erzgebirge wurden erstmals in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts Rohstoffe gefunden. Es waren Händler aus dem Harz, die in den Wagenspuren der Wege die ersten Erzproben fanden. Darauf folgte das erste Berggeschrey (ähnlich einer Art Goldfieber, nur dass man hier damals Silber fand). Das zweite folgte um 1500 mit der Intensivierung des Abbaus. Zu DDR-Zeiten wurde Sachsen – das dritte Berggeschrey – wichtiger Lieferant für Uran und Braunkohle. Die Altlasten des Abbaus und die Renaturierung sind noch immer ein zentrales Thema in dem Bundesland. So muss ganz aktuell der Knappensee – „die kleine Nordsee der DDR“ – für circa acht Jahre gesperrt werden, da seine Böschungen nicht stabil sind. 100 Millionen Euro wird die Gefahrenabwehr schätzungsweise kosten.
Seit 2006 gibt es – nach einer langjährigen Pause – erste Neuanträge auf die Erkundung von Lagerstätten. In Freiberg sprechen einige auch schon vom 4. Berggeschrey, der dadurch bedingt ist, dass vor allem die Metallpreise seit 2003 auf dem Weltmarkt stark angestiegen sind. Sachsen beherbergt vor allem größere Zinn-Lagerstäten, aber auch Metalle, die für die moderne Hightech-Industrie von Nöten sind, wie Indium, Wolfram, Lithium und selbst Seltene Erden werden nun erkundet. Lizenzen zur Aufsuchung und Produktion werden zeitnah mit Aktivitäten gekoppelt (mit der Produktion muss zeitnah begonnen werden), damit Unternehmen sich nicht Lagerstätten sichern und damit spekulieren können.

Reiche Zeche in Freiberg

Darüber hinaus ist Freiberg aufgrund der Universität beliebt bei ausländischen Studierenden. Mit Ländern wie Mosambik – deren Ministerin für Bergbau den Ort erst 2013 besuchte und sowohl ein Projekt zur gegenseitigen Ausbildung als auch eine Schulung für Bergbaukontrolleure Mosambiks vereinbarte – Mongolei, China oder Russland gibt es traditionell langjährige Austausche.

Wie profitiert das Land, wenn die Bergbauunternehmen in Sachsen gleichzeitig von der Feldesabgabe befreit sind, war eine Frage, die wir aufwarfen. Dies sei eine politische Entscheidung, um potentielle Investoren nicht abzuschrecken und gleichzeitig auch die Bergbau-Tradition aufrechterhalten zu können. Das Bundesberggesetz sieht zwar eine Förderabgabe von 10 Prozent des Marktwertes des Gutes vor, die Länder können davon aber abweichen. Niedersachsen erhebt zum Beispiel auf die Erdgas-Förderung 37 Prozent Abgaben, während in Sachsen laut der Sächsischen Zeitung vom 14.08.2013 auch Braunkohle von den Abgaben befreit ist (!). Da Bergbau in zumeist strukturschwachen Regionen stattfindet, sind Arbeitsplätze ein wichtiges Argument für den Abbau von Rohstoffen. Da es keine Lagerstätten von Weltklassenniveau gibt, sind es nicht die Global Player, die den Abbau organisieren, sondern zumeist regionale, mittelständische Unternehmen. Diese haben in Sachsen gut 4.100 Beschäftigte. Mit jedem direkt Beschäftigten werden zudem drei bis fünf indirekte Arbeitsplätze geschaffen, so Cramer. Bergbau ist zudem auch Teil der Identität der Menschen in der Region. Das umfasst auch die negativen Auswirkungen des Bergbaus, zum Beispiel aufgrund des Uranabbaus der Wismut. Traditionsbewahrung heißt daher, Positives und Negatives zu zeigen.

Alles in allem ist Oberberghauptmann Cramer glücklich darüber, dass es nun wieder bergbauliche Aktivitäten in Sachsen gibt, um genau diese Struktur zu bewahren und gleichzeitig auch das KnowHow und Wissen der Universität auch vor Ort wieder einsetzen zu können.

Nach einer Mittagspause ging es im Anschluss zu dem Helmholtz-Institut Freiberg für Ressourcentechnologie (kurz: HIF). Dort trafen wir Institutsdirektor Prof. Jens Gutzmer, der über die Forschungsarbeit des HIF berichtete. Da Ressourcenabbau in Deutschland jahrelang nicht gefördert wurde, ist die heutige Forschungsarbeit erst einmal eine aufholende, im Vergleich zu klassischen Fördernationen wie Kanada, Australien oder Chile. Dennoch gibt es in Deutschland mit der RWTH Aachen, der Universität in Clausthal-Zellerfeld und der Bergakademie Freiberg weltführende Forschung in einigen Bereichen.

Das HIF konzentriert sich in seiner Forschung sowohl auf die primären als auch auf die sekundären Rohstoffketten. „Ressourcen, die schon in der Nutzung sind, müssen auch in der Nutzung gehalten werden“, erklärt Professor Gutzmer, weist allerdings darauf hin, dass eine hundertprozentige Erhaltung der Rohstoffe nicht möglich ist. Doch um möglichst wenig zu verschwenden, sei eine interdisziplinäre Forschung, wie in Freiberg, wichtig.

Wismutstolln

So hat das HIF zum Beispiel ein Projekt in Neves Corvo (Portugal) in Kooperation mit einem dortigen Unternehmen, um das bei der Kupferproduktion bisher nicht genutzte Indium zu verwerten. Allein durch diese Mine könnte der Indium-Verbrauch von Europa gedeckt werden. Neben Indium liegen die weiteren Forschungsschwerpunkte v.a. auf den „schweren“ Seltenen Erden (aktuell v.a. Dysprosium und Neodym), sowie Germanium und Gallium. Dabei ist man sich auch des Spagates zwischen volkswirtschaftlicher und betriebswirtschaftlicher Kalkulation bewusst. Während erstere eine Rohstoffquelle am besten bis zum Ende aufbrauchen sollte, kommen betriebswirtschaftliche Überlegungen zu meist zu einem ganz anderen Ergebnis.

Interessant war die Diskussion, über den Flächennutzungskonflikt zwischen Naturschutz und Rohstoffgewinnung aus Althalden. Denn die meisten Halden sind heutzutage reiche Rohstoffspeicher, die zum Teil aufgrund von Naturschutzbestimmungen nicht mehr geöffnet werden können, obwohl es sich um „anthropogene Rohstoffkörper“ in der Landschaft handelt. Dabei könne es unter Umweltschutzaspekten besser sein, die Halden noch einmal aufzuarbeiten, anstatt neue Bergwerke zu errichten (Beispiele: Halde am David-Schacht in Freiberg, Halden der Zinnaufbereitung in Geyer). Auf der anderen Seite sind alte Halden auch immer wieder Rückzugsgebiete von Tier- und Pflanzenarten. Es bräuchte eine gesellschaftliche Diskussion zu diesem Thema. In diesem Forschungsfeld arbeitet das HIF mit einer Universität in Chile zusammen, die vor ähnlichen Herausforderungen steht.
Weitere Projekte der HIF sind im Rahmen der Lagerstättenerkundung in Sachsen, der Recycling Forschung im Bereich Seltener Erden sowie Erzaufbereitung mit Biotechnologie.

Zu guter Letzt diskutierten wir über die Rolle des HIF in die Rohstoffstrategie der Bundesregierung. Das HIF ist nicht sonderlich stark eingebunden. Es gibt zwar Kooperationen mit Südafrika, Kanada, Australien und Chile, aber man würde gerne im Bereich der Forschung die Zusammenarbeit auch mit der Mongolei ausbauen. Leider stellt die Rohstoffstrategie keine Mittel für bilaterale Forschungsprogramme zur Verfügung, wo man mit Forschenden zum Beispiel aus den Rohstoffpartnerschaftsländern zusammen an Innovationen arbeiten könnte.

Nach einem Abstecher über das Gelände der momentan wegen Renovierungsarbeiten geschlossenen „Reiche Zeche“, trafen wir uns am Spätnachmittag im Weltladen in Freiberg mit der AG Umwelt der Universität Freiberg. Diese hatte als ein Projekt auch zur Eröffnung des Weltladens beigetragen. Bei öko-fairem Kaffee und Kakao diskutierten wir unsere jeweilige Arbeit und vereinbarten eine Zusammenarbeit für die Zukunft. Die Studierenden versuchen an der in der Regel eher konservativ eingestellten Bergakademie, Themen wie Naturschutz, aber auch soziale Gerechtigkeit zu verankern. So wurde zum Beispiel eine Aktivistin aus Rosia Montana eingeladen, die über die Proteste gegen den Goldabbau berichtete.

Eingang Wismutstolln

Am Samstag hieß es dann erneut, früh raus aus den Federn, um zeitig bei dem Besucherbergwerk Wismutstolln zu sein. Dort begaben wir uns zum einen oberirdisch auf die Suche nach Pingen, also trichterförmigen Vertiefungen, die aufgrund des Bergbaus entstanden sind. Zum anderen ging es aber auch Untertage. Wir fuhren zuerst in einen Schacht ein, der in den 1950ern der Uran-Exploration der Wismut gedient hatte. Da die Wismut aber kein Uran gefunden hatte, wurde der Bergbau nicht weiter vorangetrieben. Doch nicht nur die Wismut war dort gewesen. Schon Jahrhunderte zuvor hatten Bergarbeiter/innen hier nach Silber und anderen Mineralien gegraben (v.a. Flussspat und Schwerspat). Der Verein „Hülfe des Herrn Alte Silberfundgrube e.V.“ hat sich zur Aufgabe gemacht, diesen alten Bergbau aufzuarbeiten. Einige der alten Schächte, die beklemmende Enge verbreiten, sind noch begehbar.
Alles in allem ein äußerst lehrreicher Trip, der uns viele verschiedene Einblicke in Sachsen und seine Bergbaukultur gegeben hat.

Loren am Wismutstolln

Glück auf!

AG Bergbau, PowerShift e.V.

Weiterführende Links:
Sächsisches Oberbergamt

Rohstoffstrategie für Sachsen

Helmholtz-Institut Freiberg für Ressourcentechnologie

Bergbau im Zschopautal

Alter Wismutstolln

Wismutstolln