Erdgas, Fracking, Klimawandel – Gas ist keine Lösung, sondern Teil des Problems

Dieser Artikel entstand in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung und wurde am 30. November 2015 im Dossier der Böll-Stiftung zum Klimagipfel COP21 in Paris veröffentlicht. Der Artikel steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Fracking-Bohrturm in Argentinien

Bild: Observatorio Pertrolero Sur

Im Vorfeld der Weltklimakonferenz gibt sich die Öl- und Gasindustrie besorgt. Nicht etwa, weil sie um ihr Geschäftsmodell fürchtet, das darauf beruht, die Welt mit jenen Energieträgern zu beliefern, die größtenteils im Boden bleiben müssen, um die Erderwärmung noch zu begrenzen. Nein, die Öl- und Gasindustrie ist besorgt „über die Herausforderung – und die Bedrohung – durch den Klimawandel“, so die sechs größten europäischen Öl- und Gaskonzerne in einem Begleitschreiben zu einem Brief an die Generalsekretärin der UNFCCC, Christiana Figueres im Mai. Die Lösung für das Problem haben sie ebenfalls bereits in der Tasche: Mehr Gas!

Immer wieder wird Erdgas als klimafreundlichster fossiler Energieträger und “idealer Partner” der erneuerbaren Energien bezeichnet – nicht nur von der Gasindustrie. Gerade im Energiewende- und Kohleland Deutschland wird diese Erzählung kaum kritisch hinterfragt, obwohl es dazu gute Gründe gibt. Denn schaut man genauer hin, ist Erdgas weder ein klimafreundlicher Ersatz für Kohle noch uneingeschränkter Partner beim Ausbau der erneuerbaren Energien. Auch der derzeitige Schiefergasboom in den USA trägt nicht – wie so oft behauptet – zum Klimaschutz bei, sondern verhindert den raschen Umstieg auf erneuerbare Energien und Fortschritte bei der Energieeffizienz. Ein Blick hinter die Kulissen zeigt außerdem, dass die Öl- und Gasindustrie sich nicht gerade durch ihren Einsatz für mehr Klimaschutz auszeichnet wenn es um konkrete Gesetzesvorhaben geht.

Erdgas ist kein klimafreundlicher Ersatz für Kohle
Werbepostkarte von Shale Gas Europe

Diese Wunschrechnung der Industrieplattform “Shale Gas Europe” geht leider nur auf wenn das extrem klimaschädliche Treibhausgas Methan nicht berücksichtigt wird. Bild: Werbepostkarte von Shale Gas Europe

Gerne wird Erdgas als klimafreundliche Alternative zu Kohle angeführt. So warb die Industrieplattform „Shale Gas Europe“ vor einigen Jahren damit, dass die Emissionen bei Strom aus Schiefergas 49 Prozent niedriger lägen als bei der Stromerzeugung mit Kohle. Auf der Webseite des BMWi heißt es: „Zudem ist Erdgas im Vergleich zu anderen fossilen Energieträgern klimafreundlicher, da der Einsatz mit geringeren CO2-Emissionen einhergeht“. Und auch Umweltverbände heben Erdgas immer wieder als den klimafreundlichsten fossilen Energieträger heraus. Doch aus zwei Gründen geht die auf den ersten Blick plausibel scheinende Gleichung “Gas ist weniger klimaschädlich als Kohle” nicht auf:

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass die CO2-Emissionen von Erdgas in der Tat deutlich geringer sind als die von Kohle und Öl. Was jedoch in kaum einer Statistik berücksichtigt wird, sind die Methanemissionen, die bei der Förderung und dem Transport von Erdgas anfallen. Erdgas besteht aus Methan, einem Gas, das bis zu 36-mal klimaschädlicher ist als CO2. Das bedeutet, dass bereits sehr geringe Mengen des Treibhausgases großen Schaden anrichten, wenn sie in die Atmosphäre entweichen. Berechnungen von „Food and Water Watch“ zufolge hat Gas auf 20 Jahre gerechnet eine schlechtere Klimabilanz als Kohle wenn nur 2,8 Prozent des Gases unverbrannt in die Atmosphäre entweichen. Da die Methanemissionen nur schwer zu messen sind, gibt es keine exakten Zahlen. Nach Schätzungen von „Food and Water Watch“, die auf verschiedenen aktuellen wissenschaftlichen Veröffentlichungen und punktuellen Messungen beruhen, liegen die tatsächlichen Leckageraten deutlich darüber. Dies gilt insbesondere für gefracktes Gas.

Schieferboom in den USA bringt nichts für den Klimaschutz

Einen weiteren Grund warum Gas auch dann nicht zum Klimaschutz beiträgt, wenn dadurch Kohle ersetzt wird, liefert die 2014 erschienene Studie “Limited impact on decadal-scale climate change from increased use of natural gas”. Darin wird anhand verschiedener Modelle errechnet, dass eine weltweite Ausweitung der Gasnutzung infolge des Schiefergasbooms keine relevanten Klimaschutzeffekte hätte. Ein Grund dafür ist, dass Gas nicht nur Kohle aus dem Energiemix verdrängen würde, sondern auch CO2-freie Alternativen wie erneuerbare Energien. Da Gas keine wesentlich geringeren CO2-Emissionen aufweist als der durchschnittliche globale Energiemix, wären die Einsparungseffekte im besten Fall äußerst gering. Das widerspricht der oft geäußerten Annahme, dass die in den USA gesunkenen CO2-Emissionen auf die verstärkte Nutzung von Erdgas im Energiemix zurückzuführen sind.

Einen empirischen Beleg für diese These liefert die Studie “Drivers of the US CO2 emissions 1997–2013“. Darin wird gezeigt, dass die verstärkte Nutzung von Gas infolge des Schieferbooms nur einen vergleichsweise geringen Anteil am Rückgang der CO2-Emissionen in den USA hatte. Der wesentliche Treiber für den Rückgang der CO2-Emissionen von 2007 bis 2013 um 11 Prozent war die wirtschaftliche Rezension in Folge der Finanzkrise. Den Rückgang der CO2-Emissionen im Energiemix um 4,4 Prozent führen die Autoren der Studie in erster Linie auf einen langfristigen Trend zur Abkehr von der Kohle zurück, der auch unabhängig vom Fracking-Boom erfolgt wäre. Ein weiterer Mythos besteht deshalb darin, dass die CO2-Emissionen in den USA infolge des Schieferbooms drastisch zurückgegangen sind. Und das obwohl die oben erwähnten Methanemissionen in dieser Studie noch nicht einmal berücksichtigt werden. Damit verdeutlicht die Studie: Nicht mehr Gas, sondern weniger Wachstum wäre ein erfolgversprechender Weg zur Reduktion von Treibhausgasemissionen.

Unkonventionelle Vorkommen müssen im Boden bleiben

Wenn überhaupt noch eine Chance bestehen soll, den Klimawandel auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, muss ein Großteil der fossilen Ressourcen unter der Erde bleiben. Selbst der Chefökonom von British Petroleum (BP), einem der größten Öl- und Gaskonzerne weltweit räumte kürzlich ein, dass aus Klimaschutzgründen voraussichtlich nicht alle weltweiten Ölvorkommen vollständig gefördert werden können. Die „Carbon Tracker Initiative“ geht davon aus, dass vier Fünftel der bekannten globalen Reserven an fossilen Energieträgern unverbrannt unter der Erde bleiben müssen wenn eine Chance bestehen soll, das zwei-Grad-Ziel einzuhalten. Das Erschließen zusätzlicher Vorkommen mithilfe von Fracking oder Offshore-Bohrungen in der Arktis laufen diesem Ziel zuwider. Trotz vieler vollmundiger Bekenntnisse zum zwei-Grad-Ziel im Vorfeld der Weltklimakonferenz in Paris handeln politische Entscheidungsträger/innen auch im angeblichen Energiewende-Musterland Deutschland nicht entsprechend dieser Erkenntnis, sei es bei der Umsetzung eines raschen Kohleausstiegs oder bei der Regelung von Fracking.

Entwicklung des Ölpreises für die Sorte Brent von 1986-2014

Grafik: wikipedia / CC-Lizenz; Daten: US Department of Energy

Das hydraulische Aufbrechen von Gesteinen in Kombination mit horizontalen Bohrungen macht es seit Beginn des Jahrtausends möglich, Öl- und Gasvorkommen aus Schiefer und anderen unkonventionellen Lagerstätten zu fördern. Die weltweiten Vorkommen an technisch und wirtschaftlich förderbaren fossilen Energieträgern haben sich dadurch deutlich erhöht. In den USA nahm der Fracking-Boom seinen Ausgang und hat dazu geführt, dass das nordamerikanische Land zum weltweit größten Produzenten von Öl und Gas aufsteigen konnte. In der Folge des größeren Angebots an fossilen Brennstoffen sind die Preise für Gas in den USA und der Ölpreis weltweit drastisch gefallen. Hatte der Ölpreis Mitte 2014 noch bei über 100 US-Dollar gelegen, fiel er Anfang 2015 bis auf unter 50 Dollar und ist seitdem nicht mehr über die Marke von 60-70 Dollar gestiegen. Aus Klimaschutzperspektive ist diese Entwicklung zweischneidig: Zwar führt der niedrige Ölpreis dazu, dass sich Investoren aus extrem teuren und klimaschädlichen Projekten wie der Förderung von Teersanden zunehmend zurückziehen. Eine Garantie, dass diese Ressourcen auch dann im Boden bleiben wenn der Ölpreis wieder steigt, gibt es jedoch nicht. Gleichzeitig verringert sich der Anreiz, Energie einzusparen oder in den Ausbau der erneuerbaren Energien zu investieren.

Erdgas: Mehr Konkurrent als Partner der Erneuerbaren

Wo Erdgas als klimafreundlicher Energieträger gepriesen wird, ist üblicherweise der Verweis auf die gute Kompatibilität mit erneuerbaren Energien nicht weit. Als „flexibler und vielfältiger Energieträger für die Stromerzeugung“ wird Erdgas auf der Webseite des BMWi bezeichnet. Als “Partner der Erneuerbaren” preist der deutsche Öl- und Gaskonzern Wintershall sein Produkt an. Eine „ideale Ergänzung” zu den erneuerbaren Energien sieht der Wirtschaftsverband Erdöl- und Erdgasgewinnung (WEG) in Erdgas. Und auch eine Greenpeace-Studie aus dem Jahr 2010 trägt den Titel „Erdgas: Die Brücke ins regenerative Zeitalter“.

Werbepostkarte des Wirtschaftsverbandes Erdöl- und Erdasgewinnung

Auch wenn der “Wirtschaftsverband Erdöl- und Erdgasgewinnung” in seiner Postkartenkampagne pro Fracking 2015 anderes behauptet: Öl- und Gaskonzerne sind per Definition keine Klimaschützer.

Das ist auch nicht falsch. Denn in der Tat sind moderne Gaskraftwerke besser dazu geeignet, die Schwankungen in der Erzeugung der erneuerbaren Energien aufzufangen als Kohlekraftwerke. Während Kohlekraftwerke darauf ausgelegt sind, eine gleichbleibende Menge Strom zu produzieren, können Gaskraftwerke relativ flexibel zugeschaltet werden wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. Aus diesem Grund ist es Irrsinn wenn in Deutschland moderne Gaskraftwerke stillstehen, während Kohlekraftwerke Tag und Nacht so viel Strom produzieren, dass dieser in Spitzenzeiten in die Nachbarländer verkauft werden muss.

Es ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Denn Gas konkurriert bereits heute mit den erneuerbaren Energien um einen Platz im Energiemix der Zukunft. Dieser Kampf wird sowohl auf ökonomischem wie auch auf politischem Parkett ausgetragen. Zum einen verringern die aufgrund des Schiefergasbooms gesunkenen Energiepreise für fossile Brennstoffe die ökonomischen Anreize für den Ausbau der erneuerbaren Energien und das Einsparen von Energie. Verschiedene Studien kommen zu dem Ergebnis, dass eine erhöhte Gasproduktion und die damit einhergehenden niedrigeren Preise zu einer Verdrängung von klimafreundlichen Alternativen wie den erneuerbaren Energien führen. Gleichzeitig kommt es zu einem Anstieg des weltweiten Primärenergieverbrauchs, da sich auch der Anreiz zum Einsparen von Energie verringert. Selbst die IEA kommt in ihrem gerade erschienenen World Energy Outlook 2015 zu dem Ergebnis, dass der Umstieg auf erneuerbare Energien hinausgezögert werden könnte, falls der Ölpreis auf lange Sicht niedrig bleibt.

Auf politischem Parkett wird dieser Konkurrenzkampf auf EU-Ebene besonders deutlich: Trotz einer seit 2010 sinkenden Gasnachfrage in der EU soll die Gas-Infrastruktur in Form von Pipelines und LNG-Terminals in den kommenden Jahren ausgebaut werden, wie eine Studie von E3G zeigt. Wer heute die Gasinfrastruktur ausbaut, will den Verbrauch des fossilen Energieträgers nicht morgen wieder begrenzen. Denn Infrastrukturentscheidungen sind aufgrund der langen Amortisierungskosten immer Zukunftsentscheidungen. Und tatsächlich handelt die EU-Kommission Gas in der Kombination mit Carbon Capture and Storage (CCS) als CO2-arme Technologie, das heißt als Energieträger mit Zukunft: “Falls die Technologie der CO2-Abtrennung und Speicherung (CCS-Technologie) verfügbar ist und in großem Umfang eingesetzt wird, könnte Gas sich zu einer CO2-armen Technologie entwickeln”. Doch CCS ist bislang nicht über das Versuchsstadium hinausgekommen. Dennoch hält die Hoffnung auf eine Anwendung im großen Maßstab seit Jahren als letzter Strohhalm her, um ein Business as usual zu rechtfertigen. Dabei ist Gas aus den genannten Gründen viel eher Konkurrent als Partner der erneuerbaren Energien.

Öl- und Gaskonzerne sind keine Klimaschützer

Eine nicht unwesentliche Rolle spielen bei dieser Art von Entscheidungen die Lobbyist/innen der Öl- und Gasindustrie in Brüssel. Im vergangenen Jahr trugen BP, Shell, Statoil, Total und Co. ihren Teil dazu bei, die Festlegung verbindlicher nationaler Ziele zum Ausbau der erneuerbaren Energien und zur Steigerung der Energieeffizienz für die Zeit nach 2020 zu kippen. Subventionen für saubere Technologien seitens der EU wird es bereits ab 2017 kaum mehr geben. Das zeigt ein Recherche des Guardian. Trotz dieser Breitseite für die erneuerbaren Energien unterwandern Konzerne wie Total, Wintershall und Shell derzeit massiv die Interessenverbände der erneuerbaren Branche, sowohl auf EU-Ebene als auch in Deutschland. Im Vorfeld der COP stilisiert sich die Öl- und Gasindustrie zudem zum Wohltäter für das Klima, wie etwa in dem eingangs erwähnten Brief. Auch während der Klimakonferenz steht zu erwarten, dass die Gasindustrie ihren angeblichen Beitrag zum Klimaschutz in den höchsten Tönen anpreisen wird. Dass hier in Wahrheit Wasser gepredigt und Wein getrunken wird, zeigt eine Studie von Influence Map: Wenn es in der Vergangenheit um die Umsetzung konkreter Maßnahmen zur Einführung eines CO2-Preises ging, zeichneten sich führende Unternehmen der Branche nicht gerade durch große Unterstützung dieser Vorhaben aus.

Es bleibt deshalb dabei: Gas ist kein klimafreundlicher Energieträger und die dazugehörigen Konzerne sind per Definition keine Klimaschützer. Wenn sie etwas anderes behaupten, ist größte Vorsicht geboten. Denn wer mit Kohle, Öl und Gas Profit machen will, kann nicht gleichzeitig das Klima schützen.

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